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FOTOREPORTAGEN . PHOTO REPORTS








































































































Graetz Tour

 

Zeitreise

 

in der Spur von Paul Graetz

 

Teil 1

 

Der Chauffeur setzt den Spaten dicht vor dem Holzkreuz an. Auf dem Kreuz steht ein Name: Paul Graetz. Das Spatenblatt dringt leicht in den Sand ein. Nach ein paar Minuten hört man das Geräusch von Metall, das auf Metall stößt. Sind hier Grabschänder am Werke? Nein, es sind Pioniere der Automobilgeschichte beim Tanken! Doch beginnen wir mal beim Ausgangspunkt der Geschichte:

 

 

1902 war Paul Graetz als Offizier im Dienste von Kaiser Wilhelm bei den Schutztruppen in Deutsch Süd-West-Afrika eingesetzt. Seine Aufgabe war es, den Bau einer Eisenbahnlinie zu begleiten. Welche Mühsal mit dem Verlegen der Schienen durch unwegsame Gegenden verbunden war, mögen wir uns kaum vorstellen. Umso mehr Begeisterung weckte eine neue Erfindung der Herren Daimler und Benz, der Motorwagen! Paul Graetz sah darin das geeignete Gefährt zur Durchquerung des schwarzen Kontinents, die vor ihm noch keiner mit einem Automobil gewagt hatte. Allerdings war er vorsichtig genug, ein paar Jahre auf die Vervollkommnung dieser technischen Entwicklung zu warten ...

 

Da haben wir es einfacher. Wir setzen uns in unseren Geländewagen, und los geht's. Was wir heute in der Fahrspur von Paul Graetz sehen, hat sich auf weite Strecken nicht verändert. Die Faszination bleibt die Gleiche wie vor hundert Jahren. Seinen Weg von Daressalam nach Swakopmund beschreibt der Pionier in seinem Buch "Im Auto quer durch Afrika". Für seine Reise ließ er einen Kraftwagen mit einem 35 PS-Vierzylinder-Motor bauen. Er wählte Continental Reifen der Größe 1120/120 und ließ besonders starke Holzklötze unter die Federn legen. So wurde eine Bodenfreiheit von 35 cm erreicht. Der Wagen bekam ein faltbares Verdeck, dazu ein Moskitonetz. Wurden die Rückenlehnen der Vordersitze umgeklappt, erhielt man zwei Ruhelager. Auch ein Zelt, Feldbetten, Tisch und Feldküche wurden mitgenommen. Natürlich beschränkte man sich beim Proviant auf das Notwendige. Die Herren bauten auf das Jagdglück des Herrn von Roeder, dessen Vornamen wir nie kennenlernen, dessen Kameradschaft aber so weit ging, daß er sich spontan zu der Reise entschloß, als Not am Mann war.

 

Was die Benzinvorräte betraf, ließ Paul Graetz sich einiges einfallen: Unter den Hintersitzen war ein 250 Liter Tank eingebaut, vorne ein Tank, der 125 Liter faßte. Um diesen Benzinvorrat unterwegs auffüllen zu können, legte er 24 Depots entlang der Reiseroute an, mit insgesamt 6000 Litern Shell Benzin, dazu über 200 Liter Öl, 25 Gummireifen und 33 Schläuche! Auf freier Strecke wurden Fässer vergraben und die Stelle mit einem Kreuz gekennzeichnet, im Vertrauen darauf, daß die Benzinfässer dort in Frieden ruhen, bis die Expedition sie brauchte ...

 

Daressalam - Morogoro

 

Am 3. August 1907 traf Paul Graetz im Hafen von Daressalam ein. Mit an Bord waren sein Reisegefährte Herr von Roeder, ein Chauffeur und das Automobil, verpackt in eine Kiste. Leer wog es 2 1/2 Tonnen. Benzin, Öl, Wasser wurden an Land aufgefüllt und einige viel bestaunte Probefahrten unternommen, die zu dem Ergebnis führten, das Automobil sei um ein paar Teile zu erleichtern. So wurden Kotflügel und Auspuffrohre über Bord geworfen. Sogar vom Zelt und von der Seilwinde mußte man sich schweren Herzens trennen!

 

Es werden Wetten über den Ausgang der Expedition abgeschlossen. Ein Leutnant der Schutztruppe will drei Tage nach dem Wagen losmarschieren und die Expedition binnen drei Tagen einholen. Allen Zweiflern zum Trotz läßt Paul Graetz sich nicht von seinem Ziel abbringen, und am späten Nachmittag des 10. August 1907 setzt sich das Automobil knatternd in Bewegung, um die ersten 20 km bis Pugu zurückzulegen. Die Straße ist gut gepflegt und erlaubt eine Geschwindigkeit von 25 km! Sie ist von Palmen gesäumt, Agavenpflanzungen und Gartenanlagen. Eine zwanzigprozentige Steigung nimmt der Wagen zur vollen Zufriedenheit der Insassen. Mit voller Fahrt geht es den Hügel wieder hinunter, durch ein Dorf, das in heller Aufregung zurückbleibt. Die Nacht bricht herein, die Scheinwerfer lassen im Vorbeifahren die tropische Farbenpracht der Wälder aufleuchten. Das Nachtlager schlagen die Pioniere im Gehöft Pugu auf.

 

Am folgenden Morgen wird alles wieder im Wagen verstaut, um kurz nach 7 Uhr ist man bereit zur Abfahrt. Der Weg ist steil und oft von Regen unterspült, die Rinnen stellen Motor, Reifen, Federn auf eine harte Probe. Umso reizvoller ist der Ausblick, der sich den Reisenden bietet. Ein Leopard kreuzt den Weg. Karawanen werden überholt. Damals wie heute werden Lasten auf den Köpfen transportiert.

 

Die fremden Träger sind sofort zur Stelle, als das Automobil vom Wege abkommt und im Sumpf landet. Trotz der vielen Helfer rührt sich der Wagen erst, als ein paar Bäume gefällt und Äste unter die Reifen geschoben werden. Wie kann man den Wagen noch leichter machen? Die Brücken sind für diese Belastung nicht gebaut, Paul Graetz zieht Furten vor. Steile Uferböschungen werden vor dem Befahren mit Spaten und Hacke abgeflacht. Die Piste ist jetzt derart ausgewaschen, daß Hindernisse wie tiefe Löcher oder massige Felsbrocken Umwege durch den Busch erfordern. Eine Affenherde wird aufgescheucht. Die Expedition wird von einem plötzlich aufflammenden Buschbrand überrascht, der Chauffeur gibt Gas, der Weg ist eben, und so schnell es geht, fährt man über die Glut und entkommt zu aller Verwunderung unbeschadet. Die Reifen haben eine Feuerprobe bestanden! Hinter dem nächsten Hügel erstreckt sich eine weite Ebene, ein flaches Wiesenland. Ein paar Bananen werden in den umliegenden Hütten erhandelt, der Motor bekommt einen Schluck Öl, und weiter geht die Fahrt, diesmal über harten, ausgetrockneten Sumpfboden, bis zum Ufer des Rufu, der gemächlich in seinem breiten Bett fließt. Die Fähre besteht aus zwei Einbäumen, die mit Brettern verbunden sind. Schon die Vorderräder drücken die Fähre unter Wasser. Das Automobil wird entladen, die Ladung auf Negerköpfen durch den Fluß ans jenseitige Ufer getragen, wie Paul Graetz schreibt. Die versunkene Fähre wird gehoben und das Wasser aus den Einbäumen geschöpft. - Spätestens hier kommt mir der Gedanke, daß unser guter Paul Graetz es ohne sein Automobil leichter hätte. Doch er folgt unbeirrt seinem Plan, und nach drei Stunden steht sein Wagen am anderen Ufer. Die erschöpfte Reisegesellschaft fällt im Auto in festen Schlaf.

 

Bei Morgendämmerung kriechen sie aus ihren Schlafsäcken und springen ins nasse Gras, doch der Gedanke an die Krokodile verdirbt ihnen die Freude an einem morgendlichen Bad im Fluß. Der schwarze Koch Mzee stellt seine Vielseitigkeit unter Beweis und betätigt sich als Bademeister, der jedem Reisegefährten einen Guss kalten Wassers verabreicht. Während sich die Gesellen schütteln und prusten wie die Nilpferde unten im Fluß, bereitet Mzee das Frühstück zu. Es gibt Kakao, den der Koch in einer weißen Emaillekanne serviert, und Spiegeleier, von Mzee Ochsenaugen genannt. Um 7 Uhr sind alle startklar, der Chauffeur darf den Wagen ankurbeln. Der Weg ist wieder so zerrissen, daß Umwege durch den Busch angeraten sind. Die Reisenden ducken die Köpfe vor den Ästen, Blätter und Zweige prasseln ins Wageninnere. Bald sind es Dornensträucher, doch die Reifen bleiben heil, bis auf ein paar unbedeutende kleine Risse.

 

Nach wenigen Stunden steht der weiße Koloss, wie Paul Graetz seinen Wagen nennt, vor den Resten einer Brücke über den Fluß Ngerengere. Er entschließt sich, sein Automobil in das Flußbett hinabklettern zu lassen und die jenseitige Böschung hinauf, zum grenzenlosen Erstaunen der Eingeborenen. Unter Johlen und Trillern geben sie ihm Geleit. Im Fahren gönnt sich die Gesellschaft ein zweites Frühstück in Form von kalten Hühnerbeinen mit Büchsenbrot, einem Schluck kalten Tees und einem Schluck Kognak. Auf diese Weise gestärkt, bahnen die Reisegefährten dem Automobil mit Äxten und Schaufeln einen Weg durch dichtes Unterholz, über tief ausgewaschene Rinnen, die den Weg queren, immer in der Sorge, ob das Fahrzeug der Belastung standhalten würde. Die Hinterachse, die den größten Teil der Last zu tragen hatte, gab als erste ein wenig nach und begann sich zu biegen. Ein Dorfschmied richtete die Achse und schmiedete eine Eisenstange zur Verstärkung an. Bei steiler Bergabfahrt wurden die Federn durch die Belastung nach vorn gedrückt. Wenn es gar nicht anders ging und die Bremskraft nicht genügte, wurde der Rückwärtsgang zu Hilfe genommen.

 

Letzten Endes half jedoch nur die Beschränkung auf die unentbehrlichen Teile der Ladung. Der Behälter für Proviant blieb zurück, die schweren Holzkästen an beiden Seiten des Wagens, selbst die Türen der Karosserie wurden abmontiert und das Verdeck. Schlafsack und Decken mußten während der Fahrt die schweren Polstersitze ersetzen. Ersatzteile und Werkzeug wurden ausgelesen. Mit Mühe erreichte die Expedition am späten Nachmittag den Karawanenweg nach Mkesse, wo der gastfreundliche Häuptling frische Bananen und Hühnereier aus seinem Vorrat anbot. Das Essen hatten unsere Reisenden seit dem kräftigen Frühstück während der Fahrt völlig vergessen.

 

Bis zum nächsten größeren Ort, Morogoro, rechnete man zu Fuß noch 9 bis 10 Stunden. Als Paul Graetz seine Fahrtzeit auf zwei Stunden schätzte, wurde er ausgelacht. Er setzt unbeirrt die Fahrt fort und schildert die wechselnden Ausblicke, die sich ihm von der erhöhten Rückbank seines Automobils bieten, mit glühenden Worten, schwärmerisch und anschaulich. - Mir bleibt in seiner Spur die Sprache weg. Das Land ist unbeschreiblich schön. Tansania, wie wir es heute nennen, wollten wir während der Trockenzeit bereisen. Das war der Plan ... Die sintflutartigen Regengüsse, die wir unter freiem Himmel erlebten, ließen die Farben erst recht leuchten, wenn die Sonne wieder durch die Wolken brach. Nässe und Dürre, Wüsten und Wasserfälle, alles wartete auf uns in der Spur von Paul Graetz.

 

Morogoro - Mpapua

 

Die Gipfel der Berge waren bei der Abfahrt von Morogoro in undurchdringlichen Dunst gehüllt. Wir fröstelten, schreibt Paul Graetz, und uns ging es nicht besser in seiner Spur. Die aufgehende Sonne durchbrach den Nebel. Am Fluß Makata angekommen, steht das Automobil vor einer alten Pfahlbrücke, die schon viele Regenzeiten gesehen hat. Paul Graetz braucht die Hilfe aller Dorfbewohner. Sie werden zusammengetrommelt und zu einer dicht aufgeschlossenen Kolonne formiert, die im Gleichtritt über die Brücke marschiert. Der Chauffeur gibt den Takt an für die Hundertschaft, hinüber, herüber, die Brücke scheint tragfähig. Also den Motor angekurbelt und schnell über die Brücke gerollt! Sie hielt. Am jenseitigen Ufer wurde die Hundertschaft mit einigen Pfennigen für jeden Einzelnen belohnt. Weiter geht die Fahrt über einen Steindamm, der weit in die Steppe hinausreicht. Ein Rudel Antilopen ergreift die Flucht. Giraffen stehen wie angewurzelt zwischen den Bäumen, sehen über die Wipfel auf das Automobil und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, als wüßten sie vom Jagdschutz. Über die hartgetrocknete Steppe geht es weiter Richtung Rubehogebirge, mit 30 km Geschwindigkeit. Eine Viehherde naht in einer Staubwolke, stürmt auf das FFahrzeug zu, macht kurz davor Kehrt und sucht das Weite. Unmöglich für die Hirten, die vielen Tiere zum Stehen zu bringen. Auch als der Motor ausgeschaltet wird und der Wagen steht, sind die Tiere nicht zu halten. Schließlich wird versucht, die Tiere zu überholen und so zur Umkehr zu bewegen. Die Erde dröhnte unter den Hufen der Ochsen und Kühe, die den Wagen umgaben, bis er endlich die letzten hinter sich lassen konnte - da blieben sie stehen.

 

Das Automobil überholt noch eine Karawane auf dem Weg nach Tabora, dann schneidet ein schnellfließender Fluß den Weg ab. Die Uferböschung fällt fast senkrecht ab. Die Expeditionsgesellschaft suchte die am wenigsten steile Stelle für die Überquerung. Die Vorläufer der soeben überholten Karawane schlossen nun auf und gemeinsam schlug man eine Schneise in das Buschwerk. Ein paar Leute wateten durch den Fluß und fanden gut knietiefes Wasser. Der Chauffeur Neuberger kurbelte an und fuhr durch das Dickicht auf den Fluß zu. "Wir wollen das Auto lieber durchschieben," der Ruf des Expeditionsleiters verhallte ungehört. Das Auto fuhr in den Fluß hinab und blieb mitten im Wasser stehen. Der Ventilator drehte sich noch einmal und dann stand auch die Maschine. Neuberger beugte sich weit vor über den Motor und drehte sich um mit den Worten "Wir sind fertig, die Zylinder sind geplatzt."

 

Wie Paul Graetz zum Wagen kam, kann er nicht sagen, er stand plötzlich am Motor und sah die herausgesprengte Dichtung. Das Auto war eingesunken, und da die Zylinder nach Abnahme der Auspuffrohre offenstanden, war Wasser hineingeschwappt. Herr von Roeder, der während der Vorbereitungen zur Flußüberquerung ein Bad nahm, kam im Adamskostüm herbei, und so standen drei Männer fassungslos um ihr Automobil, aus dessen Zylindern das lehmige Wasser rieselte. Der Chauffeur war vollkommen erstarrt und murmelte tonlos "alles hätte mir passieren dürfen, nur das nicht." Viele Arme schoben das Auto ans Ufer, wo man das Unglück noch besser in Augenschein nehmen konnte. Die Sprengfugen an den Zylindern waren deutlich zu erkennen. Der Chauffeur war außer sich, und er war nicht zu beruhigen.

 

Der Häuptling des nahen Dorfes lud die Reisegesellschaft in seine Residenz ein, wie Paul Graetz das Grasdach zu nennen beliebt, das dem Automobil nun Schutz bieten sollte. Am Mittag suchte jeder den Schatten der nach allen Seiten offenen Schilfhütte auf. Wie war nun vorzugehen? Es konnte nur eine Antwort geben: Neue Zylinder beschaffen! Nicht per Anruf beim 24-Stunden-Service, sondern per Schiffsreise, beim Hersteller in Deutschland! Acht bis zwölf Wochen würden für die Reise und die Fertigung der Ersatzteile benötigt werden. Positiv denken, das braucht Paul Graetz nicht erst zu lernen. Er findet, es bleibe vor der Regenzeit noch vollkommen die Zeit für die Schiffsreise und bei der Gelegenheit könne man auch noch eine größere Übersetzung mitbringen. Und als der brave Koch zum Essen ruft - er hatte während des Palavers mal schnell ein paar Hühnern die Hälse umgedreht - da hellt sich die trübe Stimmung schon wieder auf.

 

Der Rest des Tages vergeht mit Reisevorbereitungen. Der Chauffeur und Mzee sollen nach Morogoro zurückkehren und mit der Bahn nach Daressalam fahren. Roeder und Graetz wollen den Wagen weiter nach Kilossa bringen, um dort die Ersatzteillieferung abzuwarten. Doch wie soll der Transport vonstatten gehen? Leute wurden gebraucht, mehr, als in den umliegenden Hütten hausten. Der Häuptling, der mit den Reisenden die Sorgen und den Kognak teilte, wußte Rat. Vier Wegstunden weiter lag eine Missionsstation, von der hundert Männer zu Hilfe geholt werden sollten. Man wartete vergeblich bis zum Abend und legte sich unter dem Grasdach zur Ruhe nieder. In der sternenklaren Nacht hört Paul Graetz von Ferne das heisere Lachen einer Hyäne. Er fühlt sich ausgelacht.

 

Am nächsten Morgen weckt ihn der Hahnenschrei. Als erstes fällt sein Blick auf die Autoruine. Die ersehnten Helfer sind immer noch nicht da. Es eilt, das Schiff wird nicht warten! Die Sonne brennt schon wieder vom Himmel, da kommt Hilfe in Sicht, in langer Reihe, in der rechten Hand den Speer, am Lendenschurz den gelben Wasserkürbis umgebunden. Fünfzig Mann hatte der Häutling mobilisiert, die sich nun im Kreise setzten und auf Weisung warteten. Die eine Hälfte wurde dem Chauffeur zur Begleitung mitgegeben, die andere Hälfte für den Fahrzeugtransport nach Kilossa eingeteilt. Mit Riemen und Querhölzern band man um das Automobil ein Geschirr, an welchem die Leute vorn zogen und hinten schoben. Graetz setzte sich ans Steuer, Roeder daneben. Vor ihnen lagen 30 km bis Kilossa. Diese neue Arbeit machte den Helfern offenbar Spaß. "Die Schwarzen benahmen sich bei dieser ungewohnten Tätigkeit wie die Kinder, bald ging es im Trab, unter Springen und Lachen flott eine Senkung hinab, bald kroch das Auto unter ihrem eintönigen Gesang eine Steigung hinan," so beschreibt Paul Graetz die Abschleppaktion. Immer wieder müssen die Passagiere aussteigen und Hand anlegen und denken dabei wehmütig an die alles überwindende Kraft des Motors. An den Wasserstellen am Wege werden die Kürbisflaschen aufgefüllt, der Weg wird besser in Richtung Kilossa. Abends ist der Mokondokwafluß erreicht.

 

Das Auto wird vollkommen entleert, das Werkzeug, der Proviant, die Ausrüstung mit einer Bootsfähre übergesetzt. Der Wagen selbst war zu schwer für das Boot. Roeder und Graetz legten alle Kleidung ab, und während Roeder im Wasser stand und die Helfer anleitete, führte Graetz das Steuer. Die Sonne war untergegangen, bevor sie das Ufer unter den Rädern hatten. Sie setzen den Weg in vollkommener Dunkelheit fort, einer geht stets voran, um den Weg zu erkunden. Gegen 10 Uhr erreicht der Rettungstrupp Kilossa und bekommt unverzüglich Verstärkung. Hunderte von Armen greifen zu, die Gesänge schwellen zu einem ohrenbetäubenden Gejohle an. Der Inhaber der Bezirksnebenstelle Kilossa und seine Gattin heißen die Gäste mit einem Imbiss willkommen. Niemanden hat der Zustand des Autos überrascht - im Gegenteil, es wurde nicht anders erwartet!

 

Mit Bedacht hatte Paul Graetz weite Teile seiner Strecke durch deutsches Kolonialland geführt und verbrachte dort eine recht angenehme Wartezeit. Den Chauffeur allerdings packte in Daressalam das Malariafieber. Er trat dennoch die Schiffsreise an, doch als Schwarzwasserfieber auf die Malaria folgte, mußte er die Ausreise aufgeben. Graetz engagierte telegraphisch einen neuen Chauffeur, der die Ersatzteile bringen sollte.

 

Das Werk hielt den Mann der Aufgabe nicht gewachsen und verweigerte die Auslieferung der neuen Zylinder. Man wollte einen Ingenieur nach Afrika senden, doch der neue Chauffeur reiste ab, ohne die Zylinder! Die Ersatzteile wurden mit dem nächsten Dampfer nach Daressalam geschickt, wo Paul Graetz die Lieferung persönlich in Empfang nahm. Sie wurden sofort nach Kilossa gebracht und eingepaßt. Der Chauffeur montierte auch eine neue Hinterachse und die grössere Übersetzung, mit der statt 30 km nun 60 km Geschwindigkeit erreicht werden konnten. Nach einer Wartezeit von drei Monaten und nach fünf Tagen Arbeit war das Auto wieder startklar.

 

Weiter ging es in Richtung Rubehogebirge, das Paul Graetz an "die lieblichen heimatlichen Berge Thüringens" erinnerte - was ich mal ausnahmsweise gar nicht nachvollziehen kann. Und das liegt nicht daran, daß ich Rheinländerin bin. Alles, aber auch alles in der Natur erschien mir in Afrika aufregend und neu. Kein Baum, kein Strauch, nichts fand ich vor wie in der europäischen Heimat. Wir waren im wahren Sinne des Wortes dort gelandet, wo der Pfeffer wächst! Auch Paul Graetz schwelgt nicht lange in Erinnerungen, sondern weidet sich am tropischen Grün, am Schlingpflanzengewirr, unendlich glücklich, wieder auf seiner Strecke zu sein, seinem Ziel entgegen zu fahren. Doch lange kann er sich nicht in Träumereien ergehen, die Strecke windet sich den Berg hinauf wie eine Schlange, der Weg kaum breit genug für das Auto, zur Rechten ragen Felsen auf, zur Linken fällt die Schlucht beinahe senkrecht in den Fluß.

 

Die ausgewaschenen Löcher im Weg zwingen die Reisegesellschaft wieder einmal zum Straßenbau, Steine werden zusammengetragen, um die Schlaglöcher zu füllen. Hundert Jahre später haben einige Einheimische dies als eine gewinnbringende Tätigkeit erkannt. Sie füllen vor einem herannahenden Fahrzeug - mit Europäern an Bord, versteht sich - die Schlaglöcher auf, kassieren eine Belohnung, und wir haben es geahnt: Als wir uns umdrehen, sehen wir, wie die wertvollen Schlaglöcher wieder freigeschaufelt werden! Diese hochmoderne, friedliche Form von Wegelagerei lernte Paul Graetz noch nicht kennen. Im Gegenteil, er berichtet immer wieder von Afrikanern und Europäern, die ihm und seinen Kameraden helfen. Glück war auch dabei, dem Absturz von einem schmalen Bergpfad entgeht er mit Hilfe einer zufällig eintreffenden Karawane. Bei dieser Bergungsaktion wurde die vordere Achse verbogen, doch ließ sie sich im offenen Feuer richten.

 

Weiter ging es bis Kidete, wo das Lager auf dem blanken Boden unter einem Affenbrotbaum am Flußufer aufgeschlagen wurde. Der Übergang über den Fluß wird durch Erdarbeiten vorbereitet, das Auto wird mit Muskelkraft von vielen Eingeborenen hinüber gebracht. Der Motor wird nicht angeworfen. So dauert die Flußdurchfahrt einen ganzen Tag. Am anderen Ufer wird wieder ein Lager aufgeschlagen. Nun sind die Kideteberge zu bezwingen, der Pfad zeigt kaum noch Spuren menschlicher Bearbeitung, doch überall wird die Einwirkung der Naturgewalten sichtbar, der tropischen Gewitter, der mitreißenden Sturzbäche, die mit einem Schlag zunichte machen können, was Menschen in Monaten gebaut haben. Schlechte Bedingungen für ein Automobil, die Träger scheinen die Berge besser überwinden zu können. Das Wasser kocht sprudelnd aus dem Kühler, die Reisenden opfern ihr letztes Trinkwasser. Die Kupplung gibt nach. Das Leder wird gereinigt und mit feinem Sand bestreut, die Übersetzung wird gewechselt. Im ersten Gang geht es den Hang hinauf. Der mühsame Weg über den Berg dauert bis in die Nacht. An einem Baum kommt die Expedition zum Stillstand. Die Vorderachse ist verbogen, die Steuerung funktioniert nicht mehr. Bis zum Etappenziel ist es ein Fußmarsch von zwei Stunden. Die Pioniere sind seit 24 Stunden ohne Speis und Trank. Graetz und Roeder brechen zu Fuß auf, um in Mpapua die Feldschmiede zu requirieren. Mittags erreichen sie mehr tot als lebendig ihr Ziel. Verpflegung und Hilfe werden zum Chauffeur geschickt, der beim Automobil wartet und es wieder flott macht.

 

Mpapua -Tabora

 

Vier Monate sind sie bereits unterwegs, die Reifen haben bisher durchgehalten. In dem Augenblick, als sie Mpapua verlassen wollen, hören sie einen langgezogenen Pfiff. Das Geräusch kannten sie noch nicht! Ein harter, spitzer Baumstumpf hatte Decke und Schlauch des linken hinteren Reifens durchbohrt. Die Eingeborenen halfen beim Aufpumpen, dennoch brauchte der Reifenwechsel zwei Stunden. Ausgerechnet die kühlen Morgenstunden, in denen der Motor am besten lief! Dann begann der schwierige Aufstieg in die Tschunioberge mit ihren steilen, von Felsen und Wasserrinnen blockierten Wegen. Oben wurden die Reisenden durch einen einzigartigen Ausblick belohnt. Die schier endlose Ebene lag vor ihnen, rechts und links eingefaßt von gewaltigen Felsformationen. In schneller Fahrt ging es über die Steppe - bis eine erneute Reifenpanne einen Aufenthalt erzwang. Das Ventil war verrutscht und hatte den Schlauch demoliert. Kurz darauf setzte der Motor aus. Der Magnet war die Ursache.

 

Ein Reservemagnet wurde eingesetzt, und gegen Abend konnte es weitergehen. Vor Einbruch der Nacht kam man im Dorf Ipala an, wo der Häuptling bereits wartete. Er hatte das herannahende Geräusch schon von weitem gehört und sich gefragt, ob da ein Elefant oder ein Löwe auf ihn zukäme. Kein Dorfbewohner ließ sich das Spektakel entgehen. Was auch immer die Reisegesellschaft tat, essen oder Lager aufschlagen, das Publikum wich nicht von der Stelle. Die Reisenden fühlen sich wie exotische Lebewesen, die im Zoo vorgeführt werden, doch es war Mzee, der Koch, der allen die Show stahl, mit seiner grossen blauen Autobrille. Durch die konnte er zwar nachts nicht sehen, doch es ging ja ums Gesehenwerden! "Die letzte Nummer des Programms war das Schlafengehen," notiert Paul Graetz. Er nutzt die frühen Morgenstunden für den Aufbruch und weckt die Kameraden um 4 Uhr, das nächste Ziel, das er anpeilen will, ist Kilimatinde.

 

Jetzt stößt er auf ausgebaute Wege, doch die sind für marschierende Truppen gemacht und für das Automobil zu schmal oder zu weich. Es sackt im Sand ein, selbst bei abgebauter Karosserie. Am folgenden Tag erreicht die Expedition den Bubufluß und findet eine stabile, jedoch zu schmale Brücke vor. Vier Stunden lang wird ohne Weg durch die weite Steppe gefahren, die Festung Kilimatinde vor Augen, deren weiße Mauern in der Sonne leuchten, hoch oben auf dem ostafrikanischen Grabenrand. Das Fahrzeug kreuzt in der weiten Ebene wie auf einem See, das ferne Ziel verliert man nicht aus dem Blick. In scharfen Kurven geht es um verstreut liegende Palmeninseln, um Sumpflöcher und Klippen herum, bis man an dem breiten Fluß Mtiwe anlangt, wieder an einer Brücke, die für den Kraftwagen unpassierbar ist. Zu Fuß wird jetzt das Flußbett nach einer geeigneten Stelle abgesucht. Der Übergang gelingt trotz des tiefen Sandes im Flußbett.

 

Nun war noch die Ngogoebene bis zum Fuße des Grabenrandes von Kilimatinde zu durchqueren, mit unfruchtbaren Sandstrecken und bestelltem Boden, mit Weideland, belebt von ungezählten Viehherden, gehütet von den Wagogo, Verwandten der Massai und vorzügliche Viehzüchter. Ein Einheimischer wird als Lotse an Bord genommen, ohne Scheu nimmt er neben dem Chauffeur Platz. Kerzengrade sitzt er auf dem Vordersitz, streckt den langen dünnen Arm in die gewünschte Fahrtrichtung, als ob das Knallen des Motors, die Stösse des Wagens, die beträchtliche Geschwindigkeit schon zu seinem Alltag gehörten! Endlich hielt die Expedition am Fuße des Grabenrandes, und stellte sich der Frage, die Paul Graetz schon hundertfach gehört hatte: "Wie wollen Sie den Graben bei Kilimatinde mit dem Auto hinaufkommen?" Sie waren an diesem Tag mit der mittleren Übersetzung gefahren. Deren erster Gang eignete sich nicht für die erste Steigung. Also baute man an Ort und Stelle die kleinste Übersetzung ein. Der befehlshabende Leutnant der Festung kam ihnen bereits entgegen. Er hatte den mühsamen Abstieg auf sich genommen, um Hilfe anzubieten. Nun kamen die Askaris hinzu, farbige Soldaten der Schutztruppe, darunter einige alte Bekannte von Paul Graetz, die ihn freudig begrüßten. Zunächst wollte der Pionier den Aufstieg ohne fremde Hilfe versuchen. Würde dies gelingen, wäre es eine Glanzleistung ersten Ranges! Um dem Benzin möglichst viel Druck zu geben, war der vordere Kessel bis zum Rande gefüllt. Der Motor wurde angekurbelt und langsam, aber totsicher zog der erste Gang den Wagen die erste steile Steigung hinan, dann über eine Serpentine, die gerade breit genug war für die Wagenspur.

 

Der bereits arg mitgenommene rechte Hinterreifen verlor Gummi- und Leinwandfetzen, doch die Räder fassten, der Motor zog durch, wenn auch das Wasser im Kühler kochte! Im Schneckentempo kroch der Wagen hoch, nur noch ein kleines Stückchen, dann stimmten die Askaris ein ohrenbetäubendes Freudengeheul an, die erste Stufe des Aufstiegs war geschafft, es war die schwierigste Stelle. Die weiteren wurden glatt genommen, und vor der Festung standen die Europäer Spalier, um mit ihren Photoapparaten den historischen Moment festzuhalten. Die schwarze Bevölkerung war vollkommen aus dem Häuschen, selbst die ältesten Leute hüpften um das Auto herum wie Kinder. Für Paul Graetz stand seine alte Leutnantswohnung in der Festung bereit. Diese bestand aus zwei Hauptund zwei Flügelgebäuden, Umfassungsmauern und Bastionen. Der ursprünglich nur für einen Tag geplante Aufenthalt wurde verlängert, da der Chauffeur an Malaria erkrankte, der man jedoch durch eine Schwitzkur beikam.

 

Nach drei Tagen brach man auf in Richtung Tabora. Eine weitere Stufe des Grabenrandes war zu erklettern, doch auf der obersten Fläche des Plateaus hatte man freie Fahrt. Pötzlich stand der Motor. Das Benzinzuführungsrohr war gebrochen. Ein Ersatzrohr war schnell eingesetzt, schon geht es weiter, durch dünnen Busch, über eine passable Straße, die nur ab und an durch einen umgefallenen Baum blockiert ist. Noch in der Dämmerung wurde der Tchonafluss überschritten. 120 km hatte man an diesem Tag geschafft und schlug das Lager am Fluß auf. In der Nacht sandte Paul Graetz Leute los, die das Flußufer bis zum Morgen abstechen sollten, wodurch mehrere Stunden gespart wurden. Bis Tabora waren noch 170 km zu fahren. Ob das in einer Etappe zu schaffen war? Kurz nach 6 Uhr morgens wurde angekurbelt. Perlhühner und Zwergantilopen belebten das fruchtbare Land. Steppe und Busch wechselten sich ab, nachmittags lagen noch 45 km vor den Automobilisten, da war wieder der gellende Pfiff eines Reifens zu hören, Roeder schrie "Hinten links Luft raus!". Also wurde montiert. Diesmal dauerte es eine Stunde, doch die Hoffnung, Tabora am gleichen Tag zu erreichen, rückte in weite Ferne. Da begann plötzlich eine gute Straße, harter, glatter roter Boden, breit genug für das Automobil, das nun dahinsausen kann. 13 km vor Tabora geht es durch einen Wald, es dunkelt. Vorsicht ist geboten, Gewitterregen könnten die Straße aufgerissen haben, Bäume oder Steine könnten im Weg liegen. Der Koch sprang dem Auto voraus, um die Fahrbahn zu erkunden. Der Mond versteckte sich hinter Wolken. Nach der nervenaufreibenden Fahrt fuhr die Expedition um halb neun abends in den weiten Burghof von Tabora ein, der größten Stadt Deutsch-Ostafrikas. Nun gab es Grund zum Feiern!

 

Tabora - Tanganjika

 

Nach zwei Tagen, in denen die Vorräte an Benzin und Proviant aufgefüllt wurden, brach die Expedition am 17. Dezember 1907 um 8 Uhr morgens auf. Nicht, wie ursprünglich geplant, in Richtung Bismarckburg, sondern es ging nach Udjiji am Tanganjikasee. Durch den anhaltenden Regen war nämlich der Weg nach Bismarckburg unpassierbar geworden, zudem hätte man ein mögliches Überschwemmungsgebiet durchqueren müssen. Auch der Weg nach Udjiji erwies sich als unterspült von schweren Regengüssen, und vor einer mehrere Meter tiefen Rinne, die quer durch die Piste verlief, kam die Expedition zum Stehen. Paul Graetz hielt nach Leuten Ausschau, im allgemeinen half jeder, der des Weges kam. Diesmal waren es zwei offenbar vornehme Herren, die eine Dame begleiteten, von deren geradem Wuchs und zarten Gelenken Paul Graetz berichtet. Der Pionier konnte sich in mehreren afrikanischen Sprachen verständigen, doch hier mußte die Gebärdensprache genügen. Wer vor einem nie gesehenen, festgefahrenen weißen Koloss auf vier Rädern steht und eine Spitzhacke in die Hand gedrückt bekommt, der versteht ohne Worte, was zu tun ist. "Unsere angeborene Galanterie ersparte der Frau das Mitschaufeln," berichtet Paul Graetz, und da war er wohl der Einzige, der in Afrika so dachte, wo die Frau seit jeher die Feldarbeit erledigt!

 

Die Fahrt ging weiter durch fruchtbares Land, die Mangos hingen von den Bäumen, es war Frühling in Tansania. Blumen sprießen, Hunderte von Schmetterlingen schweben über den Blüten, in nie gesehener Vielfalt. Alle anderen Lebewesen haben sich vor dem knatterenden Automobil in Sicherheit gebracht. Doch da erspäht der Koch einen Hasen. Ehe die Büchse in Anschlag gebracht ist, verschwindet er im hohen Gras, und mit ihm die Hoffnung auf einen würzigen Hasenbraten. Im Laufe dieses Tages geht schwerer Regen nieder. Am folgenden Tag ist der Boden so aufgeweicht, daß die Passagiere ihren Wagen zuweilen anschieben müssen, um weiterzukommen. Schließlich hat man den Wald hinter sich und erreicht die offene Steppe. Der nasse Boden zwingt allerdings zu einer Fahrt am Waldrand, da das schwere Automobil sonst einsinken würde. Die Piste ist gespickt mit Baumstümpfen. Es geht nur langsam vorwärts. Plötzlich ein furchtbarer Ruck - der Koch saust kopfüber in die Maschine, der Wagen steht. Alle springen aus dem Auto und sehen das Schwungrad am Boden liegen, die gebrochene Kupplungsscheibe hängt an der verbogenen Hauptantriebswelle. Der Flansch der Kurbelwelle war schiefgequetscht, die Stahlbolzen im Grase verstreut. Das war einem versteckten Baumstumpf zu verdanken, 200 km von Tanganjika entfernt, ohne die Möglichkeit zu einer Reparatur an Ort und Stelle. Zunächst einmal wurde Mzee verbunden und das Lager für die Nacht aufgeschlagen. Ein Lagerfeuer konnte wegen des Regengüsse nicht entflammt werden. Nun versuchten die Reisenden, die traurige Situation im Schlaf für ein paar Stunden zu vergessen, doch das erlaubten die Moskitos nicht. Sie schwelgten in seinem Herzblut, berichtet Paul Graetz. Nicht einmal eine Zigarre ließ sich anzünden bei dem Gewitter. Die Reisenden warteten auf den Tag. Die Dämmerung währt nicht lang, mit einem Schlag wird es hell in Afrika. Roeder richtet sich in seiner ganzen Länge auf, schüttelt sich und greift zur Büchse. Doch der passionierte Jäger kehrt diesmal ohne Beute zurück. Das Feuer wird nun mit Benzin entfacht, das Wasser für den Kakao kommt vom frischen Regen. Die Reisenden laben sich am Frühstück aus Erbswurst und Büchsenbrot, da kommen ein paar Eingeborene hinzu und erkennen die Lage, in der sich der "Teufelswagen" befindet. Die große Hilfsbereitschaft der Leute führt Paul Graetz auf deren Aberglauben zurück. Es kann nicht schaden, sich gut mit dem Teufel zu stellen! Gegen 10 Uhr vormittags waren 60 Männer zur Stelle. Rinde wird von den Bäumen gerissen und zu einem langen Tau gedreht, an dem Querhölzer zum Ziehen befestigt werden. Man kommt vorwärts, jedoch nur halb so langsam wie ein Fußgänger.

 

Nachts suchte die Expedition Schutz vor dem Regen in den Hütten der Eingeborenen, zum Beispiel im Wigwam des Häuptlings von Wiliatuka, einem Eldorado für Insektensammler, wie Paul Graetz schreibt. Der Floh, den er als Einzelgänger kannte, begrüßt ihn hier als Herdentier! Wanzen, Zecken, Spinnen, Skorpione leisten ihm Gesellschaft. Letztere stechen nur in Notwehr, und auch die Schlange greift nur an, wenn sie sich verteidigen muß. In diesem Zusammenhang kommt wieder der Kognak ins Spiel, mit dem man Wunden desinfizieren kann. Nun wissen wir, warum er bei der Auslese des unbedingt notwendigen Proviants an Bord bleiben durfte! All die vielen Mitbewohner raubten Paul Graetz nicht den Schlaf, er ruhte sanft im Wigwam, während draußen der Regen niederging. Immerhin scheuten die Moskitos die verräucherte Hütte!

 

Um 6 Uhr morgens war man startbereit und fuhr ununterbrochen, bis man um 5 Uhr nachmittags den 30 m breiten Malagarasi Fluß erreichte. Am folgenden Morgen nahm man die Fähre in Augenschein. Sie bestand aus drei einzelnen Einbäumen, die für das Automobil zusammengekoppelt und mit Brettern belegt wurden. Noch am gleichen Tag wurde das Auto durch die Niederung zum Fluß gezogen, der an dieser Stelle während der Hauptregenzeit zu einem 3 km breiten See anschwoll. Das Übersetzen nahm den ganzen folgenden Tag in Anspruch, immer wieder setzte die Fähre über, um Karosserie, Werkzeugkisten, Ersatzteile, Koffer, Vorräte überzusetzen. Schließlich folgte das Chassis mit Motor, Getriebe und Rädern. Am 24. Dezember um 9 Uhr vormittags fuhr Paul Graetz vom Malagarasi ab. Roeder war bereits auf Pirsch und stieß im Lager Kurrukurru mit zwei erlegten Antilopen zur Expedition. Das Wildbret reichte für die Pioniere und alle Helfer für zwei Tage. "Zu Hause brannte an diesem Tage der Weihnachtsbaum und ergoss seinen strahlenden Kerzenschein über all die Liebe, die ihn umdrängte. Wir sassen stumm am Lagerfeuer, unsere Gedanken weilten in der fernen Heimat an jener Stätte, wo beim Lichterglanz man auch unserer gedenken mochte," schreibt Paul Graetz in sein Tagebuch. Die rechte Feierlichkeit will nicht aufkommen, obwohl er etwas Benzin über einen Busch gießt, der auflodert und den Platz hell erleuchtet. Die Einheimischen sind sich einig, bei diesem Wunder hat mal wieder der Teufel die Hand im Spiel!

 

Am ersten Weihnachtsfeiertag steht etwas ganz Besonderes auf dem Programm: Nach schwerer Fahrt auf durchweichtem Boden kommt die Expedition vor einer senkrecht aufsteigenden Felswand zum Stillstand. "Auf schmalem, halsbrecherischem Pfad klettern die Träger der Karawanen von Stein zu Stein, sich gegenseitig die Lasten hinaufreichend", schreibt Paul Graetz. Tiefe Sümpfe machen eine Umgehung unmöglich. Doch der Karawanenpfad ist zu schmal für den Transport des Autos, selbst wenn man es in seine Einzelteile zerlegte. Nun mußte der Dynamitvorrat herhalten, um eine schmale Felsspalte zu erweitern. Der Wagen mußte hinaufgezogen werden. Der Chauffeur saß dabei auf dem vorderen Benzinbehälter, um das Steuer zu führen. Die Seilwinde war bereits in Daressalam zurückgelassen worden, hier war alles Handarbeit. Als das Automobil endlich oben steht und man sich umblickt, erscheinen die Rundhütten im Tale wie Spielzeug. Die Pioniere markieren den von ihnen geschaffenen Weg als "Auto-Weg". Das Wort "Autobahn" gab es wohl noch nicht ...

 

Schließlich gelangt man nach Rutschugi und berät die Lage. Entweder das Auto wird über vier Tagesmärsche nach Udjiji geschoben und in der dortigen Dampferwerkstatt am Tanganjika See repariert, oder die Reparatur wird in der nur 1 1/2 Stunden entfernten Saline Gottrop durchgeführt. Der nächste Tag wurde dem Besuch der Saline gewidmet. In Einbäumen setzt man über den Malagarasi. An den Ufern entspringen elf Salzquellen. Das salzhaltige Wasser aus der Tiefe wird in Pfannen geleitet, in denen das Salz über Holzfeuern ausgekocht und getrocknet wird. Der Chauffeur erklärt nach Besichtigung der Werkstatt, das Auto hier reparieren zu können. Es wird auf drei Einbäumen über den Malagarasi geholt.

 

Um Mitternacht kehrt Graetz ins Lager zurück und findet Roeder mit 41 Grad Fieber vor. Der Chauffeur, der jetzt auf der Saline einquartiert war, erkrankte an einem leichten Malariafieber, das einen Nachmittag dauerte. Roeder ließ den Mut nicht sinken, auch wenn ihn Schüttelfröste packten, der Chauffeur hingegen schrieb, an eine Reparatur sei nicht zu denken. So begab Graetz sich zurück zum Auto. Er fand den Chauffeur auf der Terrasse, gesund, mit einem Schmöker in der Hand, und die Ingenieure der Saline beklagten sich, er ließe sie die ganze Arbeit allein machen. Paul Graetz hieß seinen Chauffeur die Arbeit wieder aufnehmen. Er konnte sie jedoch nicht erfolgreich beenden. Nachdem die Teile gerichtet waren, konnte der Chauffeur das Auto nicht zusammensetzen. Am 12. Januar entschloß sich Paul Graetz, das Auto nach Udjiji zu bringen. Der Chauffeur konnte seine Heimreise nicht finanzieren und folgte notgedrungen. Roeder war in der Obhut des Stabsarztes in Udjiji auf dem Wege der Besserung. Er wohnte nun in der Festung, wo auch der Chauffeur Quartier fand. Paul Graetz wurde von einem alten Freund aufgenommen und brachte nun das Auto selbst zum Hafen von Udjiji, wo sich der Maschinist eines deutschen Dampfers der Reparatur annahm. Paul Graetz bezog Quartier an Bord und ging zusammen mit dem Maschinisten an das Zerlegen des Autos. Während der sechstätigen Fahrt über den blitzblauen Tanganjika See wurde am Motor gearbeitet. Der Chauffeur jedoch bezweifelte, daß das Auto betriebsfähig zu machen sei, überdies sei ihm die Expedition gleichgültig und er wolle nach Hause. Davon hört ein Farmer, der Gemüse und Früchte auf das Schiff bringt. Er war früher Maschinist bei der Kaiserlichen Marine und will nicht, daß die Expedition vor den Engländern bloßgestellt wird, die ihr gespannt entgegensahen. Das Auto wird gelöscht und am Strand zusammengesetzt. Zwei Chauffeure haben nun bereits aufgegeben. Wie soll es weitergehen? Text und Fotos: Anne Heisler

 

 

 

Teil 2

 

Nordost-Rhodesia

 

Vor hundert Jahren brauchte es mehr als die Kenntnis der Verkehrsregeln und ein wenig Übung, um Auto zu fahren. Erst recht, wenn weit und breit keine Menschenseele je von einer Werkstatt gehört hatte, wie bei der ersten Afrikadurchquerung, die Paul Graetz gemeinsam mit seinen Freund und Jagdgefährten Theodor von Roeder unternahm. Mit an Bord waren der Koch Mzee und der Chauffeur Neuberger, der offenbar ein großes Geschick entwickelte, das Auto zu bändigen. Eine Voraussetzung für das unerhörte Unternehmen war eine gehörige Portion Abenteuerlust, und als der Herr Neuberger auf der Reise eine Löwenbändigerin traf, begann er eine leidenschaftliche Affäre. Paul Graetz dachte nicht daran, auf seinen Chauffeur zu verzichten, und blies zum Aufbruch. Der sollte vor großem Publikum stattfinden, selbstverständlich in gemäßigtem Tempo. Das konnte sich der Herr Neuberger nicht leisten, denn die Löwenbändigern gönnte ihn keiner anderen und hatte die Flinte auf ihn angelegt. Mit Vollgas preschte das Automobil an der staunenden Menge vorbei und entkam den Schüssen mit knapper Not. Sein Herz war nun nicht mehr bei der Sache, und der Chauffeur kehrte von einer Reise in die schwäbische Heimat nicht mehr zurück. Diese Reise hatte den Zweck, beim Fahrzeughersteller, den Motoren-Werken Gaggenau, Ersatzteile für das Automobil zu besorgen. Paul Graetz heuerte "auf Empfehlung eines bekannten Automobilisten" einen neuen Chauffeur an, der die Ersatzteile in den afrikanischen Busch brachte. Nach einer Malariaattacke gab der zweite Chauffeur auf. "Der Mensch denkt, der Chauffeur lenkt - heißt ein uraltes Sprichwort," schreibt Paul Graetz.

 

 

Kituta - Chambesi

 

Am Ufer des Tanganjikasees angekommen, war guter Rat teuer. Das Auto war reparaturbedürftig, und ein Farmer, der als Maschinist bei der kaiserlichen Marine gedient hatte, half bei der Reparatur. Er hatte zuvor noch nie ein Auto gesehen und war vollkommen fasziniert. Schließlich fand er sich bereit, sich der Expedition als Chauffeur anzuschließen. Zunächst saß er auf dem Beifahrersitz und beobachtete, wie Paul Graetz sein Fahrzeug führte.

 

Man fuhr nun durch englisches Gebiet. Von der südlichen Spitze des Tanganjikasees bis zum nördlichen Ufer des Malawisees führte eine Straße, die Stevenson Road. Es hieß, sie sei zugewachsen, doch besser eine zugewachsene Straße als gar keine! Die Expedition mußte sich ihren Weg freischlagen und ab und zu einen Umweg durch den Busch machen. Hundert Jahre später, als wir mit unserem G die Stevenson Road nahmen, war nicht nur Gras darüber gewachsen, sondern recht stabile Bäume, die zu fällen uns jeder half, der barfuß des Weges kam. Die Piste wurde von den Einheimischen als Fußweg genutzt. Hierher verirrte sich kaum jemals ein Auto, und wir sorgten mit unserem Geländewagen für eine kleine Sensation. Unser G kletterte brav über die dicken Steine, unseren Reifen bereitete die anschließende Fahrt durch ein Sumpfgebiet kein Problem. Paul Graetz hingegen sorgte für Grip, indem er seine Pneumatiks mit Antilopenfell umwickelte ... eine durchaus erfolgreiche Maßnahme. So war das Jagdglück des Herrn von Roeder in mehrfacher Hinsicht ein Segen für die Expedition. Wir begnügten uns damit, den Wagen und den Atem anzuhalten, wenn wir Antilopen sahen. Wir fuhren durch wildreiche Gebiete. In flachen Tümpeln baden Elefanten, und wenn sie die Straße überqueren, tun sie das in aller Ruhe.

 

Paul Graetz schreibt in seinem Reisebericht: "Allerdings bietet die ungeheure Menge von Wasserläufen im Stromgebiet des Chambesi eine gewaltige Schwierigkeit." Der majestätische Strom, heute Sambesi genannt, ergießt sich zwischen Bergen im freien Fall in tiefe Schluchten, strömt in vielen Verästelungen durch weite Ebenen, und es heißt, wer darin badet, wird immer wieder zurückkehren. Natürlich stiegen wir hinein, wir fühlten uns doch längst eins mit der Natur, die wir vorfanden, wie sie Paul Graetz schon vor hundert Jahren beschrieb.

 

Wo wir den Fluß auf Brücken überquerten, fand er allerdings nur ein paar Einbäume vor. Damit überzusetzen, war ausgeschlossen, selbst zusammengebunden trugen sie das Gewicht des Wagens nicht, auch nicht der einzelnen Teile. Das Fahrzeug auseinanderzunehmen, das Chassis und andere Teile einzeln zu transportieren, damit hatte die Expedition nach der ersten Etappe von Daressalam bis zum Tanganjikasee schon reichlich Erfahrung gesammelt. Ein Floß zu bauen war auch kein Problem, doch das afrikanische Hartholz schwimmt nicht, es ist zu schwer. Das leichte Schilfrohr hingegen schließt Luft zwischen den Wachstumsknoten ein. "Ein Bündel in der Stärke der heimischen Weizengarben vermochte einen Mann über Wasser zu halten. Warum sollten nicht 100 solcher Bündel, zu einem Floss vereinigt, das Auto tragen? Der Versuch mußte gemacht werden."

 

Die Pioniere banden Schilf zu Bündeln, drehten Baumrinde zu Tauen, verbanden die Bündel und sicherten das Floß mit Tauen, denn der Sambesi führte während der Regenzeit Hochwasser und floß schnell. Das Floß war schwer zu steuern, immer wieder sprang ein Helfer ins Wasser, was den Leiter der Expedition in höchste Aufregung versetzte. Auf seine Vorhaltungen antworteten die Eingeborenen: "Herr, wenn Gott will, dass mich das Krokodil frißt, wird es mich nachts aus meiner Hütte holen, wenn nicht - kann ich ohne Gefahr den ganzen Tag im See umherschwimmen!" Mit der Unterstützung eines ganzen Stammes der Avemba wurden mehrere Versuche unternommen, den Sambesi zu überqueren.

 

"Die Fähre trieb, von unserem Tau gehalten, unterhalb gegen das diesseitige Ufer. Die Kanoes flogen hinaus, das Floss vor dem Anprall gegen Bäume und harte Wurzeln am Ufer zu schützen - mit wahrer Todesverachtung arbeiteten die Avembas, sich mit den Händen an Schlinggewächsen und Zweigen festklammernd und sich mit den Füssen gegen das Schilffloss stemmend, welches, unserem Seile gehorchend, langsam gegen den Strom hochkam. Als wir es endlich wieder in der Bucht geborgen hatten, lag schon vollkommene Dunkelheit über dem Fluss. Für heute hatten wir dem Chambesi sein Opfer entrissen."

 

"Der nächste Vormittag ging damit hin, die Taue dreifach stark zu machen, am Nachmittag wurde die Rampe fertiggestellt, auf welcher das Auto vom Land auf das Floss gelangen sollte. Wir hatten beschlossen, von einer weiteren zeitraubenden Probefahrt abzusehen, da die Tragfähigkeit der Fähre erwiesen und die dreifache Verstärkung der Taue sowie deren Prüfung durch 'Tauziehen' eine gewisse Garantie für ihre Haltbarkeit boten. Zudem war morgen Freitag, in Afrika wird man abergläubisch, also musste das Auto schon heute noch hinüber."

 

Paul Graetz fährt sein Auto auf die selbstgebaute Fähre, das Gewicht drückt die Schilfbündel unter Wasser – doch der Auftrieb reicht aus! Mit vereinten Kräften wird das Auto bei Einbruch der Dunkelheit am anderen Ufer geborgen. Es folgt ein Freudenfest der Dorfbewohner beim Schein des vollen Mondes. Die Feuer lodern, rhythmische Gesänge und Tänze preisen das Leben und die Liebe. Die Schilderung von Paul Graetz vermittelt eine Ahnung vom geheimnisvollen Zauber Afrikas.

 

 

Chambesi - Serenje

 

"Der Vormittag ging mit Montieren und Bepacken des Autos hin." Montieren mußten wir unser Fahrzeug nicht, doch das Bepacken am Morgen und das Entladen am Abend waren ein unerläßliches Ritual. Wir schlugen unser Lager da auf, wo es uns gefiel, zum Beispiel am Ufer eines Flusses, doch nicht auf dem Trampelpfad der Nilpferde, die sich durch ein Zelt kaum von ihrem gewohnten Weg abhalten lassen, oder am Rande eines Buschwäldchens, unter herabhängenden Lianen, oder einfach da, wo uns die Dunkelheit überfiel und die Weiterfahrt zu gefährlich schien. Wegen des unerwartet schwierigen Geländes kamen wir in Zeitverzug und brachen daher schon bei Morgendämmerung auf. Das Frühstück, das wir über dem offenen Feuer zubereiteten, nahmen wir dick vermummt ein, während des Tages entblätterten wir uns mit zunehmender Hitze. Im Laufe von sechs Wochen hatte sich unsere weiße Haut an die sengende Sonne gewöhnt. Und wir gewöhnten uns an das Zigeunerleben.

 

Auf der Strecke von Paul Graetz lagen Siedlungen der Europäer, heute zu Städten angewachsen, und genau wie er genossen wir zur Abwechselung den ruhigen Schlaf in weiß bezogenen Betten, die mit Moskitonetzen geschützt waren, oder ein Bad in einem Hotel, selbst wenn das Wasser in Eimern herangeschafft wurde. Wir lernten auch die luxuriösen Lodges mit üppigen Duschen kennen, von europäischen Einwanderern mit Schilf gedeckt wie unsere Reetdächer, eine natürliche Klimaanlage. Nach den Tagen und Nächten im Busch fast ein Kulturschock. Nirgends habe ich mich dem Land so nahe gefühlt wie in der freien Natur. Allerdings nie so nahe wie Paul Graetz, der zuweilen sein Lager mit einem Dornverhau und lodernden Feuern vor Löwen schützte.

 

Im Vergleich zu den Pionieren hatten wir es recht bequem. Wir mußten nicht durch Sümpfe waten, von Moskitos umschwärmt, wir versanken nicht in Elefantenlöchern, und zum stets neuen Brückenbau waren wir auch nicht gezwungen. Im Gegenteil, ein trocken gefallenes Flußbett bot zuweilen eine willkommene Gelegenheit, unserem G ein wenig artgerechten Auslauf zu gönnen! Paul Graetz hingegen schreibt: "Da von den vor uns liegenden 300 Meilen bis Brokenhill nur 36 Meilen wegsam gemacht waren, während für die restlichen 254 Meilen erst von uns ein Weg geschlagen werden musste, hatten wir 15 ausgesuchte Leute für diesen Wegebau in Lohn genommen. Strecke für Strecke wurde die Bahn durch den dichten Busch gehauen und langsam mit dem Auto nachgefahren."

 

"Da der Boden vollkommen trocken und fest erschien, steuerte ich quer hindurch. Plötzlich versank der Wagen bis nahezu an die Achsen. Über dem sumpfigen Grund lag eine dünne, von der Sonne hartgebrannte Kruste. Ich versuchte mittels Accelerator wieder flott zu kommen, doch es gelang weder vorwärts noch rückwärts, vielmehr arbeiteten sich die Räder immer tiefer in den Sumpf." Eine Seilwinde gehörte ursprünglich zur Ausrüstung, doch die war aus Gewichtsgründen bereits nach der Landung in Daressalam abgebaut worden. So mußte die Expedition das Fahrzeug freischaufeln.

 

Ein anderes Mal saß die Expedition fest, weil das Benzin ausgegangen war. Man wartete ausgerechnet in einer wildarmen Gegend auf die Träger, die Benzinvorräte aus den vorsorglich angelegten Lagern bringen sollten. Die Lebensmittel waren aufgebraucht. "Schliesslich versuchten wir uns an Krähensteaks, als letzte Zuflucht blieben Frosch- bezw. Krötenschenkel und die in den Niederungen häufigen Sumpftaschenkrebse. Eine vollkommene Apathie benahm uns jede Neigung für geistige wie körperliche Tätigkeit. Wir spielten stundenlang "Dame", nachdem wir die letzte Dosis Unternehmungsgeist dazu benutzt, ein solches Spiel auf ein Trittbrett des Autos aufzuzeichnen. Als Steine dienten Schraubenmuttern vom Auto."

 

"Wieder verging Tag für Tag - eine Woche, wir hatten es längst aufgegeben, noch an das Eintreffen des Benzins zu glauben und fanden uns in den Gedanken, hier eines qualvollen Hungertodes zu sterben." "Da gegen Mittag, nach der Sonne mochte es elf Uhr sein, hörten wir singende Stimmen im Busch; wir schauen aus, richtig, da treten aus dem Busch vier Schwarze heraus - je zwei tragen eine Benzinlast."

 

Wir haben so viele Reserven an Bord unseres Geländewagens, wie wir transportieren können, doch die Tankstellen entlang unserer Strecke sind eingeplant. An einer "antiken" Zapfsäule in Tansania "korrigiert" der Tankwart mit dem Daumen den Stand der Tankuhr zu seinen Gunsten. Auf unsere Vorhaltungen geht er nicht ein. Wir sehen keine andere Wahl, als den Dorfpolizisten zu rufen. Der bezweifelt keineswegs unsere Aussage, doch er unternimmt nichts. "Wissen Sie, ich muß hier leben," ist seine Begründung für sein parteiliches Verhalten. Und wir können ihn sogar verstehen.

 

 

Serenje - Brokenhill

 

"Unser Weg führte zunächst durch das Askaridorf, dessen Bewohner das Auto begeistert unter Singen und Schreien ein Stück begleiteten, dann hinein in die Berge. Jetzt begann eine Zeit harter Prüfungen für Fahrer und Maschine. Ob der Weg stracks über den Berg hinwegführte, so dass der Accelerator kaum mit dem ersten Gang den Wagen hinaufzubringen vermochte, ob der Weg auf halber Höhe die Steigung umging, so dass das Auto am Abhang oft zum Umkippen schief stand und die greifenden Räder gegen den Abgrund wegrutschten, die Anspannung für Nerven und Motor war die gleiche. Bald hinter Serenje gähnte plötzlich vor uns eine tiefe, reichlich Wasser führende Schlucht. Das Gefälle war so jäh, dass ein Hinabfahren unmöglich schien, das Auto musste auf den Pneumatiks rutschend an den bis zur Grenze ihrer Kraft angezogenen Bremsen hinabgelassen werden. Der Aufstieg war nicht minder steil. Wir mussten uns entschliessen, das harte, mit Steinen durchsetzte Erdreich abzustechen. Immer wieder fuhr das Auto gegen die Steigung an, immer wieder versagte die Kraft. Der Wagen wurde entlastet, die Hacken blieben fortgesetzt in Tätigkeit; endlich nach dreistündiger angestrengter Arbeit war die Höhe erklommen."

 

"Die Steigung wurde jetzt so bedeutend und anhaltend, dass das Benzin aus dem nur halbvollen Benzinkessel nicht mehr in den Vergaser stieg. Wir mussten daher einen Gummischlauch benutzen, um oben vom Wagen aus mittels Trichter dem Kessel entnommenes Benzin in das Schwimmergehäuse zu leiten."

 

Ein Chauffeur in Pionierzeiten konnte sich selten bequem zurücklehnen, soviel scheint sicher! Um eine kleinere Übersetzung einzulegen, verließ er den Fahrersitz und wurde zum Schrauber. Das Anlassen des Motors war wohl die Aufgabe des Beifahrers, der die Kurbel drehte, bevor er Platz nehmen durfte.

 

Wieder zwingt der Mangel an Benzin die Reisegesellschaft zu einem Aufenthalt. Man wartet auf die Vorräte aus dem nächsten Depot. "Mitten in einer herrlichen Landschaft, umgeben von den Vorbergen des Mutschingsgebirges, im kühlen Schatten der Urwaldriesen, am Ufer des wilden Lukashashi, stand unser Zelt. Halsbrecherische Kletterpartien in den Felsenschluchten des Flusses, Ausflüge in die Umgebung, wobei manch glattgewaschener Felskegel uns unbeschreiblich schöne Ausblicke in das weite Bergland eröffnete, brachten Abwechselung in unser Lagerleben."

 

"Als wir aus dem Buschlager des 27. Juni, 6 Uhr vormittags, abfahren wollten, stellte sich heraus, dass der vordere Benzinkessel über Nacht vier Zentimeter Benzin verloren hatte, also abpacken und löten! Wir beschlossen, jetzt aus dem hinteren Benzinkessel zu fahren. Der Farmer machte sich also ans Werk, die Benzinleitung vom hinteren Benzinkessel direkt zum Motor zu legen. Der hintere Benzinkessel ist in zwei Hälften geteilt, von denen die eine halb mit Benzin angefüllt, die andere schon seit Deutsch-Ostafrika leer war. Es wurde ein Loch in die untere Wand des letzten Kesselabteils gebohrt und ein Auslaufverschluss darauf gelötet. Als der Farmer mit der Lötlampe daranging, den Verschluss zu löten, gab es plötzlich einen kanonenschlagähnlichen Knall. Der Farmer flog im Bogen beiseite, der Kessel platzte wie ein Ballon auseinander, ein furchtbarer Schrecken hatte uns erfasst, sprachlos sahen wir uns in die aschfahlen Gesichter. Wunderbarerweise war nur das eine Abteil geplatzt, das andere, Benzin enthaltende, war - dem Himmel sei Dank - heilgeblieben, andernfalls wären Mensch und Wagen verloren gewesen. Die Erklärung des Geschehenen war folgende: die Scheidewand im Kessel hielt nicht vollkommen dicht, daher hatten sich im leeren Abteil infolge Schweissens Benzingase gesammelt, die sich an der Flamme der Lötlampe entzündet hatten. Der explodierte Kessel wurde wieder mühsam zurechtgebogen, während der vordere Benzinkessel nun doch gelötet werden musste."

 

Weiter geht es mit dem Rest Benzin. Boten bringen die Nachricht, "dass vier Kisten Whisky für uns im Anmarsch wären. Wir hatten keine Erklärung für die Whiskykarawane, da wir weder Whisky bestellt hatten, noch bei unserer vollkommenen Abstinenz während der Reise in einem solchen Rufe stehen konnten, dass Brokenhill uns vier Kisten Whisky entgegensenden könnte. Wir hatten kaum das Dorf verlassen, als wir tatsächlich dem Whiskytransport begegneten. Vier Kisten, aus denen die weissen Hälse der hierzulande so beliebten Flaschen herausschauten. Diesmal enthielten sie jedoch nicht Whisky, sondern Benzin, das uns zur Vermeidung weiteren Aufenthalts noch entgegengesandt wurde." Mangels dichthaltender Gefässe war es auf Flaschen gefüllt.

 

"Da fast alles Benzin auf den Etappenstationen ausgelaufen ist, musste in Bulawayo neuer Vorrat an Petrol beschafft werden. Dieses arbeitet im hiesigen Klima nach den bisherigen Erfahrungen bei den gleichen Leistungen sparsamer als Benzin. Die unser hier harrenden reichlichen Maschinenreserveteile blieben unberührt, da der Motor und das Getriebe vollkommen intakt waren."

 

Vor elf Monaten war Paul Graetz an der Ostküste aufgebrochen und hat noch mehr als die halbe Strecke vor sich. Wird das Automobil durchhalten? Und werden die Pioniere an ihr Ziel, die Westküste Afrikas, gelangen?

 

 

 

Teil 3

 

Nordwest-Rhodesia

 

"Da kann man ja genauso gut eine Reise zum Mond unternehmen!" So und ähnlich lautete der Kommentar der meisten Zeitgenossen, als Paul Graetz vor hundert Jahren die erste Afrikadurchquerung mit einem Motorwagen plante. Diese neue technische Erfindung, das Automobil, sei das Verkehrsmittel der Zukunft, behauptete er, und ließ für seine Reise bei den Motoren-Werken Gaggenau ein Fahrzeug fertigen, in dem er nicht nur seine Reisegefährten transportierte, sondern auch die gesamte Ausrüstung. Er schildert in seinem Reisebericht die Vorbereitungen, zu denen auch die Einrichtung von Depots von Treibstoff und Ersatzteilen entlang der geplanten Strecke gehörte. Von der Ostküste zur Westküste waren fast zehntausend Kilometer zu überwinden. Ein Jahr sollte die Reise von Daressalam in Tansania, dem damaligen Deutsch-Ostafrika, nach Swakopmund in Deutsch-Südwest dauern. Als die Expedition auf halber Strecke Brokenhill nördlich von Lusaka in Sambia erreichte, waren bereits elf Monate vergangen! Nach der Reparatur von Benzintanks und Benzinleitung geht es weiter.

 

 

Brokenhill - Kalomo

 

"Dann wieder hinaus in den freien Busch auf dem Wege nach Mwomboshi, in den die mannshohen Räder der Ochsenwagen tiefe Furchen gezogen. Es begann jetzt eine ausserordentliche Zumutung für Räder und Steuerung. Ich nahm den Kurs derart, dass die Räder auf den zwischen den tiefen Geleisen stehengebliebenen Erdstreifen fuhren." "Kam das Auto in eins der breit über die ganze Niederung führenden Geleise, was sich nicht immer vermeiden liess, so scheuerten die steinharten Ränder der gebrannten Sumpferde den Gummi von den Pneumatiks und das Chassis begann kläglich zu knarren und zu ächzen." Schließlich bricht der Kettenspanner. Der Chauffeur wird nach Brokenhill zurückgeschickt, um das Teil zu reparieren. "Wir, die wir beim Wagen zurückblieben, schlugen in der Schlucht des Flusses, dicht überdacht von uralten Bäumen und einem Gewirr von Schlingpflanzen und Luftwurzeln, Lager." "Eine eigenartige nächtliche Musik belebt diese Schlucht." Das Rascheln der Blätter, die Stimmen der Tiere, auch wir lauschen in die Nacht hinein, in der Spur von Paul Graetz. In unseren Zelten fühlen wir uns geschützt.

 

Kaum dämmert der Morgen, verstauen wir unsere Zelte im G und machen uns auf den Weg. Auch wir brauchen für die Fahrt viel länger als geplant. Um das Fahrzeug leichter zu machen und den morgendlichen Aufbruch zu beschleunigen, trennt sich Paul Graetz nun von seinem Zelt, das er per Bahn nach Bulawayo in Simbabwe befördern läßt. Die kalten Nächte nimmt er in Kauf und folgt, so weit möglich, dem Eisenbahndamm, den er immer wieder kreuzt.

 

"Wir hatten eben wieder die Eisenbahn passiert und fuhren die gelinde Steigung eines Abhangs hinauf. Schon hatten wir die Höhe erreicht, da hörten wir den schon einmal vernommenen eigenartigen Knacks; links Kettenspanner gebrochen." Für die Reparatur wird ein Blasebalg benötigt, der in den Dörfern im weiten Umkreis gesucht wird. "Am Nachmittag erhielten wir denn zwei vorsintflutliche Blasebälge, die erst einer gründlichen Reparatur unterzogen werden mussten. Auch einen Korb mit Holzkohle brachte man uns an. Die Eingeborenen schmieden in diesem eisenreichen Lande ihre Waffen selbst."

 

Nach der Reparatur setzt die Expedition den Weg Richtung Livingstone fort, doch ohne den Chauffeur, der den Zug nimmt. Der Strapazen und Entbehrungen müde, verlässt damit der dritte Chauffeur die Expedition. Doch Paul Graetz und sein Kamerad Theodor von Roeder mit dem treuen Koch Mzee kommen auch ohne Chauffeur klar. "Der Weg war leidlich, der Motor arbeitete brilliant. In einem weiten Tale zwischen spärlich bewachsenen Bergen ging die Fahrt meist durch lichten Busch unweit der Bahnlinie gen Süden." "Am frühen Nachmittag kamen wir am Kafue River an, einem mächtigen Strome, über den eine 1300 Fuss lange, 9 Fuss breite eiserne Eisenbahnbrücke mit 13 Spannen à 100 Fuss gelegt ist." Wir fanden sie noch genau so vor, wie Paul Graetz sie beschrieben hatte!

 

"Wir arbeiteten uns im hohen dürren Gras über harten Sumpfboden oder durch tiefen Sand zwischen Termitenhügeln und Baumstümpfen mühsam weiter. Der Motor arbeitete sich heiss. Schon hatte der Kühler, der Unersättliche, unseren ganzen Wasservorrat verschlungen." Es folgen quälende Tage und Nächte ohne Trinkwasser. Schließlich helfen Eingeborene mit ihren Kürbisflaschen aus. Mzee als Dolmetscher findet einen ortskundigen Führer. "Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, bestieg der junge Schwarze das unbegreifliche Fahrzeug und lotste uns quer durch das Gelände."

 

"Kaum 2 Meilen hatten wir am 20. August von Magoi auf zerrissenem ausgefahrenen Wege zurückgelegt, als sich rechts hinten die Eisenfelge vom Radkranz löste. Es war ein glücklicher Zufall, dass ich gerade im selben augenblick nach dem Rad zurückschaute und sofort halten konnte, bevor grösserer Schaden entstand. Sämtliche, die Felge mit Radkranz verbindenden Schrauben waren teils abgebrochen, teils herausgelöst. In dem tiefgefurchten Ochsenwagenwege waren die letzten Flügelschrauben am Flansch glatt abgerissen, nur das Ventil hatte, wenn auch stark verbogen, standgehalten. Ich entschloss mich nunmehr, die Eisenfelge in veränderter Lage wieder aufzusetzen und bohrte neue Löcher für Ventil, Flügel- und Holzschrauben. Da nur noch eine einzige Flügelschraube vorhanden, setzte ich statt deren Ventile von alten Schläuchen ein. Letzteres bewährte sich in der Folgezeit ausgezeichnet, so dass es uns gelang, mit den ruinenartigen Rädern tatsächlich Livingstone zu erreichen.

 

Diese Radplage ist hier in Afrika allgemein, sowohl bei Automobilen wie leichten und schweren Wagen. Es ist noch nicht gelungen, ein Holz zu finden, welches die hiesigen enormen Temperaturunterschiede und die Regen- und Trockenzeiten verträgt, noch war es bisher möglich, Holz so zu trocknen, dass es seinen Zustand nicht verändert.“

 

Was würde Paul Graetz wohl zu unseren modernen Metallfelgen sagen? Uns dämmert bei der Lektüre des abenteuerlichen historischen Reiseberichtes, wieviel leichter wir es haben, in der Spur von Paul Graetz, mit unserem modernen Geländewagen.

 

"Obwohl uns in Brokenhill guter Weg nach Livingstone prophezeit war, fanden wir denselben denkbar schlecht vor. Die vielen Baumstümpfe und die tiefen Geleise zwangen zu langsamer Fahrt. Über lange Sandstrecken musste eine gewisse Geschwindigkeit gefahren werden, da der Wagen bei langsamer Fahrt im feinen Sande stecken blieb." Ein willkommene Gelegenheit für uns, unserem G ein wenig artgerechten Auslauf zu gönnen!

 

"Am Vormittag des 28. August erreichten wir endlich Kalomo, wo auf der Bahnstation ein Fass Benzin für uns bereitlag." Wir finden den kleinen Bahnhof von Kalomo voller Leben. Reisende warten auf den nächsten Zug, schwarze Frauen in farbenfrohen Gewändern bieten Orangen an. Ein paar Schritte weiter warten gut genährte Rinder auf ihre Verladung. Und Paul Graetz wartete seinerzeit dort auf eine Reparatur ...

 

 

Von Nordwest-Rhodesia nach Süd-Rhodesia

 

Kalomo - Bulawayo

 

"Am 1. September brachen wir von Kalomo auf, nachdem der vom Burenschmied reparierte Kettenspanner eingesetzt und neue Löcher durch die Felgen der Hinterräder gebohrt waren." "Je näher wir Livingstone kamen, desto mehr hatten wir mit Wegschwierigkeiten zu kämpfen. Bald zwangen uns schluchtenähnliche Einschnitte mit weichem Grund und felsige Flussläufe, bald lange Sandstrecken zu zeitraubenden Erdarbeiten und Knüppellagen." Und wieder gibt es eine Panne. "Jeder Automobilist in Europa, der, wie wir jetzt, ohne Chauffeur reist, empfindet es als einen harten Schlag, wenn er durch eine Reifenpanne festgehalten auf der Chaussee selbst montieren muss, und wird sich vielleicht eine Vorstellung machen können, was wir ertragen mussten, wenn wir drei-, vier-, fünfmal am Tage in der tropischen Hitze in heissgebrannter dürrer Grassteppe oder im Busch, der in jetziger trockener Jahreszeit laub- und schattenlos, immer und immer wieder unsere grossen Reifen ab- und aufmontieren mussten."

 

In der Tat, sogar die heutigen Reifen halten nicht immer den stabilen Dornen mancher afrikanischer Büsche stand, die das Gummi wie Spieße durchbohren können! Allerdings blieb uns erspart, Schläuche zu flicken, worin Paul Graetz inzwischen viel Übung hatte.

 

"Am folgenden Vormittag erreichten wir mit den letzten Resten an Benzin und Öl, deren Verbrauch auf den schlechten Wegen, durch die weiten Sandstrecken grösser denn je war, unser harterkämpftes Ziel, nachdem uns kurz am Wege im tiefen Sand noch eine der Kupplungsfedern gebrochen. Letzteres war auch der Grund, weshalb der Wagen, wie die 'Livingstone Mail' später richtig bemerkte, merkwürdig langsam durch die Strassen fuhr."

 

Paul Graetz nahm Quartier im Livingstone Hotel. Die Kunde von den enormen Schwierigkeiten, mit denen die Expedition zu kämpfen hatte, war ihm bereits vorausgeeilt. "So hatte man uns in Livingstone mitsamt dem Auto für verschollen und verloren, verdurstet oder verhungert gehalten." Es gab schon einmal einen Pionier, der hier für verschollen gehalten wurde, einen Engländer ... und der von einem Landsmann gesucht wurde! Die berühmte Szene "Dr. Livingstone, I presume?" ist in dem rührenden kleinen Museum nachgestellt worden.

 

"Die Stadt Livingstone ist ... ausserordentlich aufgeblüht und hat sich binnen drei Jahren zu einem bedeutenden Platze emporgearbeitet. Die breiten Strassen, die regelmässig gebauten Häuser, und die ausgedehnten gutgepflegten Gartenanlagen geben dem Ort ein städtisches Gepräge." "Täglich verkehren Züge nach den acht Meilen entfernten Victoriafalls, wo die Eisenbahngesellschaft ein Hotel mit allem Komfort der Neuzeit unterhält. Wir flüchteten uns aus dem Trubel der heissen Stadt nach diesem Erholungsort, bis wir nach Überholung des Wagens unsere Fahrt fortsetzen konnten."

 

"Die Victoriafalls sind wohl das Herrlichste, was die Natur in Afrika erschaffen. Der mächtige Zambesiriver stürzt in einer Breite von 4 km seine Wassermassen mit donnerählichem Getöse in eine Tiefe von 450 Fuss. Man glaubt das Zittern der Erde zu spüren, wenn man von steiler Felswand in den Abgrund hinabschaut, der feine Wasserstaub durchnässt unsere Kleider und meilenweit trägt der Wind das Rauschen der Fälle ins Land." Worte reichen nicht, man muss es gesehen und gespürt haben. Am liebsten in der Spur von Paul Graetz, dessen Automobil das erste war, das die Brücke über die Schlucht befuhr!

 

Der vierte Chauffeur, in Bulawayo engagiert, war der Expedition zu den Victoriafällen entgegengereist. "Der neue Chauffeur hatte gefürchtet, einen in den letzten Zügen pustenden Motor vorzufinden, nach all den Zumutungen einer Reise durch Innerafrika, so war er entzückt über den Zustand unserer Maschine, die er sofort in allen ihren Teilen auseinandernahm und einer gründlichen Prüfung unterzog." Weiter geht es Richtung Bulawayo. "Obwohl wir jetzt in der trockensten Jahreszeit reisten, fanden wir überall reichlich Wasser vor. Fast alle Wegstunden gab es Wasserläufe zu durchfahren, deren Passage, meist trocken, infolge der steilen Räder und des tiefen Sandes uns grosse Schwierigkeiten und langen Aufenthalt bereitete. Eine volle Woche waren wir unterwegs, ohne einen Menschen oder eine menschliche Niederlassung zu sehen."

 

"Wir fuhren in die Dämmerung hinein, da wir heute noch Wasser erreichen mussten. Endlich trafen wir auf ein grosses Flussbett, an dessen Rand unter einer grossen Felsplatte kühles klares Wasser stand. Schnell waren die Feldbetten auf dem Steingrunde aufgeschlagen. Die von den Aufregungen des Tages erschöpften Nerven fanden bald die ersehnte Ruhe in erquickendem Schlafe, den selbst das allnächtliche Gebrüll der grossen Katzen nicht zu stören vermochte."

 

Ähnlich dickfellig waren wir wohl auch. Die grossen Katzen wollten wir sehen, als wir im Makgadikgadi Wildreservat übernachteten, und rollten in der Dunkelheit still und leise aus dem geschützten Camp in die freie Wildbahn. Diese Extratour wurde ganz schnell von einem Wildhüter abgebrochen, der das gar nicht lustig fand! Natürlich sahen wir unseren Leichtsinn ein und fügten uns dem Machtwort. Am nächsten Morgen fanden wir ein von den Löwen gerissenes Zebra an der Stelle, wo wir in der Nacht waren.

 

Das Automobil von Paul Graetz bleibt mit Leck im Tank und ohne Benzin im Busch zurück. Er geht zu einer weit entfernten Farm, um Hilfe zu holen. "Auf meine Bitte um Leute erfuhr ich, dass diese hierzulande ausserordentlich rar seien. Das konnte uns eigentlich nicht überraschen, hatten wir doch auf unserer Fahrt von Victoriafalls eine ganze Woche weder einen Menschen noch ein Dorf getroffen." Ochsen sind die einzige mögliche Hilfe. "So betrübend dieser Vorschlag für den Automobilisten auch war, es blieb uns nichts weiter übrig, als ihn dankend anzunehmen. Wir konnten den Wagen unmöglich im Busch stehen lassen."

 

Der Wagen wird zu einem Kohlenbergwerk gebracht, das an der Eisenbahnlinie liegt, die durch den Busch geschlagen wurde. Dort findet Paul Graetz eine Werkstatt vor und die idealen Bedingungen für eine Überholung des Automobils. Doch nun erkrankt der neue Chauffeur. "Nicht nur, dass er gesundheitlich nicht den Anforderungen gewachsen ist, seine geringe technische Erfahrung, seine Unselbständigkeit und eine seltene Langsamkeit bei allem, was er tut, lassen ihn eher hinderlich als dienlich für die Durchquerung der Kalahari erscheinen." "Der erste Ingenieur des Kohlenbergwerkes ... drahtete für uns nach Johannisburg an den Leiter einer dortigen Goldmine, um einen Mechaniker ... für die Expedition zu gewinnen. Dieser wird in Bulawayo zu uns stossen." Bordmechaniker wäre denn auch der treffendere Ausdruck für den damaligen Beruf des Chauffeurs!

 

Kurz nach dem Aufbruch aus dem Kohlenbergwerk gilt es, ein Gebirge zu überqueren. Hier gibt der Motor mit einem lauten Knall auf. Im Aluminiumgehäuse klafft ein Loch. Ein Bolzen, dessen Splint fehlte, hatte sich gelöst und war in den Motor gewandert! Der Schaden wäre leicht zu beheben, doch das benötigte Werkzeug befand sich in der Werkstatt des Kohlenbergwerkes. Also wurde der Chauffeur zurückgeschickt, um das Werkzeug für die Reparatur zu besorgen.

 

Er ließ lange auf seine Rückkehr warten, und da er in einem Augenblick eintraf, als die Reisegesellschaft auf der Jagd war, leerte er allein die einzige vorhandene Whiskyflasche, die aus medizinischen Gründen dringend gebraucht wurde, versteht sich ... So macht man sich keine Freunde, die Geduld von Paul Graetz war arg strapaziert. Doch der lässt den Mut nicht sinken und schwärmt: "So reizvoll jetzt die Landschaft wurde, zwischen steil ansteigenden Bergen schmale romantische Schluchten, liebliche Flusstäler, zerklüftete Pässe, so schwierig war der Weg, öfter zu schmal für die breite Spur des Autos, uns schwierige Arbeit abringend, dann wieder lange Strecken einem Flussbett folgend, das mit vom Wasser wild durcheinandergeschütteten grossen Steinen angefüllt war. Das gab harte Arbeit. Hier mussten Blöcke entfernt, dort Spalten und Löcher ausgefüllt werden. Langsam, ächzend und knarrend schaukelt der Wagen über das holprige Felsenpflaster." "Stückweise ging es langsam aufwärts. Kein Wort wurde hörbar."

 

Felsen wurden mit den Händen aus dem Weg geräumt. "Von Stufe zu Stufe folgte das Auto. Mit kochendem Kühler leistete der Motor Unerhörtes. Schnell wurden Blöcke unter die Räder gelegt. Auf dem glatten Gestein, bei dieser unheimlichen Steigung konnten die Bremsen versagen. Dann wieder weiter hinauf. Die Spitzhacke wanderte von Hand zu Hand. Der heisse Schweiss tropfte auf das glühende Gestein, im Moment verdunstend." "Wo blieb Mzee? Er war schon am Morgen auf Wassersuche vorausgeeilt."

 

"Die Anstrengung auf dem Maikahill machte sich bei uns allen noch nachträglich durch grosse Mattigkeit bemerkbar. Roeder, der am Morgen noch einen Pirschgang unternommen, wurde, auf einer Kiste sitzend, im hellen Sonnenschein vom Schlaf überwunden." Roeder erholt sich schnell, und als die Expedition ein Elefantenrevier streift, geht der leidenschaftliche Jäger schon wieder auf Pirsch. Doch am River Gwaai trennen sich die Reisegefährten. "Roeder hatte in Bulawayo auf erneutes Drängen seiner Angehörigen sich schweren Herzens entschlossen, die Fahrt durch die Kalahari aufzugeben und nach Hause zurückzukehren."

 

Paul Graetz nimmt nun einen Buren an Bord, der ihm den Weg durch den Busch weist. "Der Boden war lehmig. Wir mussten daher, als plötzlich ein heftiger Platzregen niederprasselte, haltmachen. Der Wagen drohte auf dem schiefen glatten Wege in die Tiefe abzurutschen. Der Regen hielt etwa eine Stunde an. Das Wasser läuft anfangs der Regenzeit sehr schnell ab. Bald war der Boden wieder hart und trocken.

 

Wir stiegen in eine weite Niederung hinab, die mit einer Schicht schwarzen Morastes bedeckt war. Er flog uns in grossen Klumpen um die Ohren. Dann wieder hügeliges Buschland mit tiefem Sand. Im ersten Gang ging es langsam quer durch den Busch. Das niedergefahrene Buschwerk gab den Rädern auf dem losen Sand Halt. Mitten im tiefen Busch überraschte uns die Nacht. Wir mussten uns erst mit Axt und Buschmesser einen Lagerplatz freischlagen. Nachdem wir uns am folgenden Morgen noch drei Stunden durch dichten Busch und losen tiefen Sand gekämpft, lag eine offene weite Landschaft vor uns. Ein guter, fester Weg setzte ein. Im dritten Gang sausten wir dahin."

 

Leider wird der Weg Richtung Bulawayo wieder schwerer passierbar. Ein Hinterrad bricht ausgerechnet beim Überqueren der Bahngeleise und der nächste Zug kommt mit knapper Not vor dem Automobil zum Stehen. Die folgende Nacht auf dem Bahnhof wird außerordentlich ungemütlich. "Dreimal des Nachts kamen Züge in die Station. Dann begann jedesmal ein langes Rangieren, ein Puffen und Stossen." So ist das nun mal mit der Zivilisation. Kaum hat sie uns erreicht, sehnen wir uns wieder in den Busch zurück!

 

Am übernächsten Tag gelangt die Expedition endlich nach Bulawayo, der Hauptstadt Rhodesias. "Breite, gutgehaltene Strassen, prächtige hohe Gebäude im Stile Europas, eine Anzahl Hotels, unter denen das Grand Hotel, im weiten Viereck gebaut und mit europäischem Komfort ausgestattet, die erste Stelle einnimmt. Automobile, Droschken, Rickschas beleben das Strassenbild." Der Chauffeur wurde am Tage der Ankunft entlassen.

 

"Am folgenden Morgen kam von Johannesburg meine neue Stütze Henry Gould an, ein 23jähriger Australier, der bisher in einer Goldmine in Johannesburg tätig war. Sofort wurde mit Überholung des Autos begonnen. Es galt für Gould, die seinem Vorgänger zu dankenden Schäden zu reparieren, ein Rad mit neuen Speichen zu versehen, den anderen Rädern durch Verengen der Eisenfelge neuen Halt zu geben usw. Am 25. November erfolgte die Probefahrt zu grösster Zufriedenheit. Gould ist ein guter Mechaniker mit gediegenen Kenntnissen und trotz seiner Jugend reichen Erfahrung." Endlich, Chauffeur Nummer 5 ist Gold wert! Doch nun kommen ganz andere Probleme auf den Expeditionsleiter zu, der vor Jahresfrist den Dienst als Offizier quittiert hatte, um Afrika zu durchqueren.

 

 

"Als ich nach meiner Einfahrt in Bulawayo die Firma ... aufsuchte, welche die Etappenlegung für die Expedition in Süd-Rhodesia und der Kalahari ... übernommen hatte, eröffnete mir der Vertreter der Firma, dass meine Expedition zu Ende sei, da mein Geld aufgebraucht sei." Man riet Paul Graetz, das Automobil zu verkaufen und nach Europa zurückzukehren. Das wollte er unter gar keinen Umständen. Der Versuch, in Europa weitere Mittel aufzutreiben, scheiterte kläglich. "Meine Situation war kritisch. Persönliche Mittel, die ich telegrafisch noch hätte anfordern können, standen mir nicht zur Verfügung." "Bis hierher war ich nun gekommen, über 5000 km meiner Fahrt lagen hinter mir - und nun sollte die Expedition hier liegen bleiben? Aus Mangel an Geldmitteln? Unmöglich!" "Ich grübelte früh und spät, wie ich mir weiterhelfen könnte. Da fielen mir meine unentwickelten Films im Auto ein. Heureka! Ich hab's gefunden!" Paul Graetz beschließt, mit seinen Lichtbildern eine Vortragstournee durch Südafrika zu unternehmen.

 

 

 

Teil 4

 

Als Paul Graetz vor hundert Jahren die erste Afrikadurchquerung mit einem Motorwagen wagte, war das eine gewaltige Unternehmung. Der technische und organisatorische Aufwand waren enorm. Viele Schwierigkeiten, die unterwegs auftraten und die schließlich die geplante Reisedauer verdoppelten, waren vorher nicht absehbar. Auf halbem Wege, nach etwa 5000 km, sind in Bulawayo, damals Hauptstadt von Rhodesia, die finanziellen Mittel der privat finanzierten Expedition erschöpft. Der ursprüngliche Plan sah die Durchquerung Afrikas von der Ostküste zur Westküste auf direktem Wege vor. Nun entschließt sich Paul Graetz, einen Bogen über Südafrika zu schlagen, um bei einer Vortragsreise die dringend benötigte finanzielle Unterstützung seiner Expedition zu finden. Das Automobil verkaufen, die Expedition abbrechen? Das kam für ihn überhaupt nicht in Frage!

 

 

Süd-Rhodesia. Transvaal.

 

Bulawayo - Johannesburg

 

Mit dem fünften Chauffeur - vier hatten bereits aufgegeben - machte er sich auf den Weg nach Süden, die Sonne im Rücken. Paul Graetz schreibt in seinem Reisebericht: "Bulawayo lag hinter uns. Wir flogen auf gutem Wege durch das offene Feld gen Süden. Da zog eine schwarze Wetterwand hinter uns auf. Der Motor arbeitete kräftig und gleichmässig. Der Wagen lief gut." "Ich fuhr so rasch, als es der Zustand und die Biegungen des Weges zuliessen. Der Schnelligkeitsmesser zeigte 18 Meilen = 30 km pro Stunde. Ich hoffte, dem Unwetter entfliehen zu können; doch umsonst, mit Sturmeseile kam das Wetter hoch und griff über den dahinsausenden Wagen hinweg." Das faltbare Verdeck wurde schon zu Beginn der Reise abmontiert, um Gewicht zu sparen! "Einige kalte Windstösse, dann fielen die ersten Tropfen schwer hernieder. Schnell waren die Regenmäntel angezogen, dann ging es im prasselnden Regen weiter. Die der Kotschutze beraubten Räder warfen die Erdfetzen hoch empor und überschütteten den ganzen Wagen mit einem Hügel von Lehm- und Morastbatzen. Die glatten Reifen glitten auf dem schlüpfrigen Boden aus und warfen den Wagen hin und her." Schließlich findet die Expedition Schutz in einer Europäerfarm. Man nimmt Quartier in einer Wellblechbaracke.

 

Am nächsten Morgen wird ein Sumpfgebiet durchquert und ein Steuerhebel beschädigt, als das linke Vorderrad einen Baum streift. Da kein Material für die Reparatur zur Verfügung steht, wird die Fahrt mit dem angebrochenen Steuerhebel fortgesetzt. Nach 60 Meilen erreicht die Expedition Francistown. "In wenigen Stunden hatte der dortige Schmied einen neuen Hebel gefertigt." "Francistown ist Eisenbahnstation. Es liegt im Mittelpunkt einer Anzahl ausserordentlich ertragreicher Goldminen." "Die Stadt besteht aus etwa 20 von Europäern bewohnten Häusern, worunter sich ein Hotel und mehrere Stores befinden. In Francistown wurde mir die Überraschung, dass die vor mehr als Jahresfrist hier deponierten Benzindrums noch ihren vollen Inhalt aufwiesen, während an allen anderen Plätzen die Benzinvorräte mehr oder weniger verdunstet waren."

 

"Am folgenden Morgen sollte das 130 Meilen entfernte Palapye Road erreicht werden. 5 Uhr morgens bereits rollte das Auto zum Städtchen hinaus. Wir mochten etwa 2 Meilen zurückgelegt haben, als der 200 m breite, sandige Tati-River uns den Weg verlegte. Das Flussbett war trocken bis auf einen schmalen Streifen Wasser in der Mitte des Bettes." Doch der Untergrund ist weich, der Wagen sinkt ein. "Da trat zwischen dem Grün des anderen Ufers ein Ochsenzug in den Fluß, sieben Ochsenpaare im Joch vor einer grossen schweren Karre." "14 kräftige, breitstirnige Ochsen wurden jetzt vor das Auto gespannt." Sie schafften es nicht, das Auto aus dem Flußbett zu ziehen, da die Hufe keinen Halt fanden.

 

Wo Paul Graetz sich mit dem Bau eines Knüppeldamms helfen mußte, fanden wir gut ausgebaute Straßen und solide Brücken vor, als wir hundert Jahre nach der ersten Afrikadurchquerung in seiner Spur fuhren. Palapye liegt auf halber Strecke zwischen Bulawayo (Zimbabwe) und Gabarone (Botswana). Wir fahren nun am östlichen Rande der Kalahari Wüste entlang. Paul Graetz nahm hier zur Überwindung schwerer Sandstrecken Wellblechplatten an Bord, die sich bei der Durchquerung von trocken gefallenen Flüssen bewährten. Die Kalahari will er jedoch erst zu Beginn der Regenzeit durchqueren und beschließt, "Johannisburg, der Königin aller afrikanischen Städte, einen Besuch abzustatten." "Je weiter wir uns am folgenden Morgen von Palapye entfernten, desto besser und fester wurde der Weg, der uns durch herrlich grünende Parklandschaft führte." "Wir erreichten Crocodile Pools, wo ein Deutscher namens Transfeldt eine schöne Farm besitzt." Paul Graetz fotografiert die Familie Transfeldt auf der breiten Treppe ihrer Veranda, die Damen in langen weißen Kleidern und mit großen Hüten.

 

Das Foto stellten wir nach, doch in unserer ganz normalen Expeditionskluft. Meine Röcke wurden nur in den großen Hotels aus dem Koffer geholt. Wir bewegen uns jetzt in zivilisierten Gegenden. Mafeking mit seinen historischen Gebäuden und seinem großen Markt ist ein Glanzpunkt der Reise. "1 Uhr mittags setzten wir unsere Fahrt nach dem ca. 300 km entfernten Johannesburg fort," schreibt Paul Graetz. "Über den Marktplatz geht es ins Freie. Nach 10 Meilen Fahrt überschreiten wir die Grenze zwischen Kapkolonie und Transvaal." Die vielen Grenzübergänge sind für uns inzwischen Routine. Wir zeigen unsere Pässe vor, füllen Formulare aus. Wo einzutragen ist, von welchem Stamm man kommt, schreibt unser Expeditionsleiter "Holsteiner“. Das geht in Ordnung. Kann sein, dass niemand die Formulare liest. Es gibt jedoch schöne bunte Stempel in den Reisepass.

 

Paul Graetz wird schon vor Johannesburg vom Transvaal-Automobil-Club empfangen. "Das Händeschütteln wollte kein Ende nehmen, sogar eine Dame hatte sich mit herausgewagt." "Hatte ich mir Johannesburg als große afrikanische Stadt vorgestellt, so wurde ich jetzt im höchsten Grade überrascht. Als wir in die Strassen der inneren Stadt einbogen, da sah ich mich plötzlich nach Europa versetzt." Nun gut, doch einen Laden mit Voodoo Zutaten, allerlei getrockneten Pflanzen und mumifizierten Tieren sah ich in Europa noch nie ... in Johannesburg findet man das gleich in der Innenstadt!

 

Paul Graetz erörtert mit dem deutschen Konsul die finanzielle Lage der Expedition und seinen Plan, durch Lichtbildvorträge Mittel aufzubringen. Der Konsul nimmt Rücksprache mit deutschen Bürgern, die den Vortrag gerne hören wollen. Sie wollen jedoch nicht, "dass man in Johannesburg die Lage der Expedition errate." Sie füllen gemeinsam das Loch in der Expeditionskasse! Wen wundert, dass nun der Aufenthalt in Johannesburg für die Pioniere zu einem großen Fest wird? Sie lassen sich gerne von der europäischen Gesellschaft feiern.

 

Das Automobil wird hier für die Fahrt durch die Kalahari vollkommen überholt. Doch die afrikanischen Teilnehmer der Expedition, der Koch Mzee und der Boy Iti, verweigern die Weiterreise. 500 km ohne Wasser, das wagen sie nicht. Die Erfüllung des Vertrages gerichtlich oder mit Gewalt zu erzwingen, erwägt und verwirft Paul Graetz. Die Johannesburger versuchen es mit Goldstücken. Es hilft nicht. Paul Graetz reist mit dem Chauffeur Henry Gould ab, eskortiert vom Automobilclub.

 

Der Weg führt zunächst nach Pretoria, wo sich ein Boy namens Wilhelm bereit findet, sich der Expedition anzuschließen. Doch es gab wohl ein Mißverständnis, denn "als wir später an seinem Dorf vorbeisausten, rief er seinen Leuten nur zu: 'Ich fahre nach Germany.' " Es geht aber nur zurück nach Palapye, wo der Wagen für die Fahrt durch die Kalahari ausgerüstet und bepackt wird.

 

Kalahari

 

Palapye Road - Pottletle Riever

 

"Gould hatte Maschine und Wagen nochmals gründlich überholt. In Ermangelung neuer Luftschläuche waren die alten sorgfältig ausgebessert. Wir führten fünf Luftschläuche und drei Reifen, alle gebraucht, als Reserve am Wagen. Die Unterbringung von achthundert Liter Petrol und hundert Liter Vacuumöl hatte uns viel Mühe gemacht." "Der hintere Kasten war angefüllt mit Lebensmitteln und Munition. Die Verpflegung war aufs einfachste beschränkt." "An Handwerkszeug und Reserveteilen war nichts zurückgelassen worden, alles Vorhandene ist in Kisten im Innern des Wagens untergebracht. An Beleuchtungsmaterial haben wir Karbid und Kerzen am Wagen. Eine kleine Apotheke und einige Flaschen Kognak (als Medizin gegen Schlangen- und andere Gifte) werden für unbedingt notwendig erachtet." Wer weiß, ob das hilft! Wir fanden unter jedem Stein, den wir aufhoben, einen Skorpion. Gestochen wurden wir nicht, also brauchten wir auch keinen Kognak.

 

Für Paul Graetz wird es nun ernst. Bei einer Panne in der Kalahari kann ihm niemand zu Hilfe kommen. Er nimmt einen alten Eingeborenen an Bord, "der einer der kalaharikundigsten Leute sein soll". "Etwa 10 Meilen von Palapye Road sollten wir bereits ein schweres Sandfeld zu durchqueren haben. Dort sollte die Entscheidung fallen, ob die Wellblechplatten über Bord geworfen werden könnten. Tatsächlich warfen wir dieselben später in den Busch, da das Auto, allerdings unter enormem Petrolverbrauch, im ersten Gang mit Akzelerator den Sand, ohne stecken zu bleiben, durchfuhr."

 

Paul Graetz fuhr im Januar durch die Wüste. "Es ist jetzt Frühling in der Kalahari, die schönste Jahreszeit zum Reisen. Die Strasse führte uns, breit und tiefsandig, von vielen Wagenspuren durchfurcht, hinein in den lichten Busch." "Der Sand war durchaus nicht unser grösster Feind, vielmehr der Sumpf."

 

Wir fanden die Kalahari staubtrocken vor, als wir sie im August in der Spur von Paul Graetz durchquerten. Salzpfannen, trocken gefallene flache Seen, gleißend weiß im grellen Sonnenlicht. Entwurzelte Baumriesen, die auf dem Boden verwitterten, streckten die Reste ihrer vertrockneten Äste in die heiße Luft. Blutrot geht die Sonne unter. Bequem an unseren G gelehnt, genießen wir das abendliche Schauspiel. "Schwarz - weiß - rot" auch Paul Graetz gerät ins Träumen, wenn ihm nach den täglichen Strapazen bei der abendlichen Rast nicht gleich die Augen zufallen.

 

Immer wieder bleibt die Expedition stecken. "Wie wünschten wir uns jetzt die in den Busch geworfenen Wellblechplatten herbei." In schöner Geländefahrertradition prüfen die Beifahrer den Untergrund vor dem Befahren. "Gould und die beiden Boys gingen voraus, die Hand hebend, sobald sie auf weichen Grund stießen."

 

Hundert Jahre später fahren wir am nördlichen Rand der Kalahari entlang und stoßen auf die kleine Stadt Maun, in der sich ein buntes Völkergemisch tummelt. Offenbar ist Maun ein Ziel für Touristen, eine Basis für Ausflüge in die Sahara. Offene Geländewagen mit vielen Sitzreihen stehen vor der "Power Factory" bereit, einem Lokal, das mit bunt bemalten Fabeltieren geschmückt ist, aus Stahlblechen zusammengeschweißt. Hier hat der Schneidbrenner nicht nur an den Fahrzeugkarosserien seine Spuren hinterlassen! Der Hunger und der Durst, von denen Paul Graetz berichtet, blieben uns erspart. Wir orderten eisgekühlte Getränke in Maun. So ganz wörtlich mußten wir das nicht nehmen mit der Spurensuche, außerdem lief auch uns die Zeit davon. Wir wollten die Ostküste erreichen, bevor unser Flieger nach Europa startete!

 

Das Buch von Paul Graetz "Im Auto quer durch Afrika" begleitete uns auf unserer Zeitreise. Immer wieder erkannten wir die beschriebenen Stellen und die Situationen: "Wie eine einzige riesengrosse Spiegelplatte dehnt sich vor unseren Augen die grosse Salzpfanne." "Wir fuhren zu Tal. Jetzt begann ein fröhliches Jagen auf dem harten Salzgrund der Pfanne. Im dritten Gang, was der Wagen laufen konnte, sausten wir dahin." "Hier hat die Natur eine Automobilrennbahn geschaffen, wie sie nicht vollkommener - und billiger gedacht werden kann." Das fand offenbar auch ein Geländewagenfahrer aus Maun, der über die Salzpfanne preschte, hin und her, eine weiße Staubfahne hinter sich. Die Wüste lebt!

 

 

Paul Graetz beschreibt die Vögel: "Nach Art der Webervögel bauend, huschen sie flink von Strauch zu Strauch, mit lustigem Gezwitscher emsig ihre kleinen Hängenester fördernd, die, in Mengen an einem Dornstrauch schwebend, von einem winzig dünnen Ästlein gehalten werden." "Wir kamen jetzt in das Revier des Springbocks. Immer neue, nach Hunderten zählende Rudel wurden vor dem Auto flüchtig."

 

Pottletle River - Rietfontein Nord

 

"Heute, am 30. Januar, sollten wir unmittelbar an den Pottletle-River herankommen, an dessen hochbewaldetem Ufer wir in der Entfernung von etwa zwei Meilen durch die offene Steppe entlang fuhren." Paul Graetz folgt einer tiefen Wagenspur, breiter als seine eigene. Der weiche Sand läßt ihn in mit einem Rad in die ausgefahrene Rinne rutschen, ein Steuerhebel bricht. "Jetzt hiess es, einen neuen Steuerhebel fertigen - doch woraus? Wir hatten kein Material dafür am Wagen. Zudem verfügten wir über keinen Gewindeschneider. Ich musste mich schweren Herzens entschliessen, eine der Reservedifferentialwellen zu opfern, um daraus ein Ersatzteil zu schmieden." Immerhin hat er einen Blasebalg. "Nun mussten wir uns Holzkohle bereiten." Der Chauffeur Gould bewährt sich als Schmied. Doch die Weiterfahrt wird durch tiefen Sand erschwert. "Immer wieder musste der Rückwärtsgang den Wagen in die Reifenspur zurückziehen, dann ging es mit zu höchster Kraftleistung eingestellter Maschine wieder ein Stück vorwärts, bis der Wagen wiederum festsass und die Ketten vergeblich versuchten, die Hinterräder zu drehen."

 

Der Benzinverbrauch ist damit weit höher als erwartet, zudem wußte man nie, ob man im nächsten Depot volle Fässer vorfinden würde. Doch damit nicht genug: "Im Osten stieg mit grosser Schnelligkeit ein schwarzes Wetter hoch." "Ein gewaltiger Orkan brauste heran, wir hatten Mühe, das Zelt zu halten. Gelbschwarze Sandwolken rasten heulend daher. Endlos hohe Sandhosen tobten über das Feld, Bäume und Sträucher entwurzelnd." "Unser Zelt krachte unter den niederstürzenden Wassermassen, trotzdem begrüssten wir sie freudig." Doch der Boden wird durch die Feuchtigkeit nicht verfestigt. "Er war mit zerstäubter Sumpferde vermischt, die in nassem Zustande an den Pneumatiks festklebte und dem Auto das Vorwärtskommen noch erschwerte." In dieser trostlosen Situation finden die Pioniere einen Schatz: Unter einem Holzkreuz, das den Namen Graetz trägt, liegen voll gefüllte Benzinfässer begraben!

 

 

Ein Getriebeschaden zwingt zu einem Aufenthalt am Pottletle River. Während Gould die Reparatur vornimmt, nutzt Graetz die Zeit, frische Nahrung zu beschaffen. "Ich suchte jetzt meine Angelausrüstung hervor und postierte mich, die Büchse im Arm, am Ufer des Flusses." "Doch weder wollten die Fischlein nach meinem Brotteigköder schnappen, noch war ich den Krokodilen gut genug." Inzwischen wird die Ausfahrt aus dem Flussbett sorgfältig vorbereitet, indem das Auto entladen und eine Böschung angeschüttet wird. Die Ufer sind dicht bewachsen, "so üppig, dass die Sonnenstrahlen das dichte Dach von Blättern und Schlingpflanzen vergeblich zu durchdringen versuchten." "Ein schmaler Streifen paradiesischen Landes zieht sich hier mitten durch die Wüste."

 

Leider gedeihen hier auch die Moskitos und bescheren den Expeditionsteilnehmern schlaflose Nächte. "Oft sassen wir dann auf unseren Feldbetten, mit einem Handtuch die Moskitos wegscheuchend, und verwünschten die vermaledeite Wüste. Ab und zu wurde das kräftige Grunzen eines Nilpferdes vom Flusse her vernehmbar." Im nächsten Benzindepot sind die Fässer ausgelaufen. "Wir mussten unbedingt weiter, ein Zurück war vollkommen ausgeschlossen. Da hörten wir in der Nähe Rinder brüllen. Wenn wir Ochsen zum Vorspannen bekommen könnten!" Man einigt sich mit dem Rinderhirten. "An langer eiserner Kette zogen die sechs Ochsen das Auto durch den Sand weiter hinein in den dichten Busch." "Es lag für das Auto bei solchem Fahren eine Gefahr darin, dass die stetig vorziehenden Ochsen nicht schnell genug zum Stehen zu bringen waren, wenn ein Loch vor dem Rad gähnte oder ein versteckter Baumstumpf das Auto rammte." Also geht Gould vor, um die Strecke zu prüfen, Graetz sitzt am Lenkrad und die beiden Boys führen die Ochsengespanne. Sagten wir schon einmal etwas zum Beruf des Chauffeurs in damaliger Zeit?

 

Als die Ochsen es nicht schaffen, das Auto eine Böschung hochzuziehen, wagt Graetz es nicht, den Motor anzulassen. Die Ochsen wären durchgegangen. Also gönnt er den Ochsen zwei Stunden Rast, Wasser und Weide, und versucht die Auffahrt dann noch einmal, diesmal mit Erfolg. Man nähert sich den nächsten Ort, aber die ganze Fuhre ist mit dem Stolz der frühen Automobilisten schwer vereinbar. "Wie ganz anders hatten wir uns unsere Einfahrt in Toting gedacht. Wir waren arg verstimmt, während wir im Schneckentempo hinter den Ochsen dreinsteuerten. Die Maschine vollkommen betriebsfähig, im Vollbesitze ihrer Pferdekräfte, den ganzen Wagen intakt zu wissen und doch diese widerwärtigen Ochsen brauchen zu müssen, das ist wohl das härteste für den Automobilisten."

 

In Toting wartet ein Benzindepot. "Alle drei Drums waren leer. Auch nicht ein Tropfen war mir geblieben." Und die beiden Boys wollen nach Hause umkehren. Paul Graetz weiß sich keinen besseren Rat, er packt sie an ihrer empfindlichsten Stelle, ihrem Aberglauben, und bringt düstere Prophezeiungen hervor, die angeblich in Erfüllung gingen, falls sie ihn nicht wenigstens bis zur nächsten Station begleiteten ... Das hilft, und nachdem sich auch frische Ochsen gefunden haben, bricht man auf, die nächsten 80 Meilen unter die Hufe zu nehmen.

 

Im Laufe des Tages stellt sich heraus, daß Wilhelm die Wasservorräte nicht aufgefüllt hatte. Er findet nach langem Herumirren eine menschliche Siedung und Wasser, Milch, Eier. Nun erkrankt Gould an Malaria, "weitab von jeder europäischen Hilfe, mit den Lebensmitteln nahezu am Ende. Nach dreitätigem schweren Kampfe zwischen Leben und Tod hatte Gould die Krisis überstanden." "Ich war von den drei Nachtwachen so erschöpft, dass ich den ganzen Tag fest schlief."

 

Bei der Weiterfahrt erreicht man die bewaldete Zentralsenke der Kalahari, dann gilt es, von den Ochsen gezogen, Berge zu überwinden. Das nächste Benzindepot enthält 60 Liter. Nun reichte der Vorrat bis zum folgenden Depot. Die Ochsen konnten entlassen werden, mitsamt ihrem Führer. Der Wagen fährt mit Motorkraft weiter und kommt bei einer Wasserdurchfahrt zum Stillstand. Alle Versuche, ihn wieder anzulassen, schlagen fehl, und so "kurbelten wir das Auto mit eingestelltem ersten Gang mit der Handkurbel vorwärts." Sie hat also doch ihre Vorteile, die alte Technik! Nicht lange, nachdem der Motor wieder angesprungen war, wurde eine umfangreiche Reparatur fällig. Ein Kugellager im Getriebekasten war zersprungen, doch der findige Gould behebt den Schaden.

 

Die Suche nach der nächsten Farm gestaltet sich schwierig, seit vier Tagen waren die Lebensmittelvorräte erschöpft, man fährt jetzt Tag und Nacht. Endlich erreicht die Expedition den Bauernhof eines Buren, der aus dem Schlaf geholt wird und frisch gebackenes Brot, Butter, Milch auf den Tisch stellt. "Wir hätten in diesem Augenblick die ausgesuchtesten raffiniertesten Delikatessen verschmäht angesichts dieser köstlichen einfachsten Lebensmittel." "Die Wohnungen der Farmer sind meist sehr einfacher Art, eine grasgedeckte Lehmhütte mit einem einzigen grossen Raum, in dem sich das gesamte Familienleben abspielt."

 

 

Deutsch-Südwestafrika

 

Rietfontein - Windhuk

 

"Am Nachmittag des 13. März erkletterte das Auto die letzte schwersandige Düne an der deutschen Grenze." "Dann ging es hinein ins deutsche Land, 10 km noch durch schweren Sand und dichten Dornbusch. Da winkten drüben auf dem Ufer eines Riviers die Zinnen des kleinen Forts von Rietfontein-Nord." "Wir fanden hier 800 Liter Benzin vor." "Als Gould am folgenden Morgen die Magneten prüfte, war auch nicht eine Spur von Strom mehr vorhanden." Paul Graetz schickt einen Reiter los, der einen neuen Magneten von der Verkehrstruppe in Windhuk holen soll. Wieder spannt er die Ochsen ein, um nicht allzu viel Zeit zu verlieren. Dies archaische Abschleppunternehmen macht sich unentbehrlich. Das Gespann besteht diesmal aus 18 kräftigen Ochsen, getrieben von einigen Hereros, eskortiert von einem Gefreiten hoch zu Kamel! "Wir machten am ersten Nachmittag einen Treck von 15 km und schlugen Lager. Am folgenden Morgen mit Tagesgrauen fuhren wir weiter durch offene Steppe mit niedrigem Buschwerk. Dieses Land zwischen Rietfontein und Oas gilt noch immer als Kalahari. Es ist da, wo sich Wasser findet, hervorragend für Viehzucht geeignet." "Trotz ununterbrochenen strömenden Regens kamen wir gut vorwärts, zumal das Auto für die 18 Ochsen keine schwere Last bedeutete."

 

Als wir hundert Jahre später mit Pferdestärken, ohne Ochsen, von der Kalahari Richtung Windhuk fahren, brennt die Sonne auf die perfekte Asphaltdecke einer breiten Straße, von den Leuten aus Windhuk "Kalahari-Highway" genannt. Unser Wagen ist fast der einzige auf der schnurgeraden Straße. Ab und zu kreuzen Straußenvögel unseren Weg. Je näher wir Windhuk kommen, desto mehr Zäune sehen wir entlang der Straße. Die Farmhäuser sind nicht zu sehen, sie liegen weit ab von der Straße.

 

Paul Graetz bekommt seinen Magneten von Windhuk, Gould richtet noch die Hinterachse, repariert den Speedometer, überprüft die Räder, dann geht es weiter Richtung Gobabis. Auf dem Weg dorthin bricht die Differentialwelle. Wieder werden Ochsen eingespannt, doch bleibt es den Pionieren erspart, mit dem Gespann in Gobabis einzufahren. Die geschweißte Differentialwelle wird 10 km vor der Stadt eingesetzt. In Gobabis, der ersten grösseren deutschen Station, wird der Wagen noch einmal gründlich überholt, der Sand der Kalahari, der in alle Ritzen gedrungen und mit Öl vermischt war, wird entfernt.

 

Die flotte Fahrt Richtung Windhuk führt auch durch sandige Passagen, und wieder bricht die Differentialwelle, wieder ein erzwungener Aufenthalt, diesmal auf der gastfreundlichen Farm eines Dichters deutscher Herkunft, sechzig Kilometer vor Windhuk. Die freundliche Aufnahme durch Einheimische erlebten auch wir immer wieder in der Spur von Paul Graetz, die nur selten die eingetretenen Touristenpfade berührt.

 

"Windhuk ist der Sitz des Gouvernements und ein grosser Platz mit ca. 2000 Europäern," schreibt Paul Graetz. Wir finden eine deutsche Gesellschaft vor, die sogar ihre eigene Zeitung herausgibt, und einen Automobilclub, der regen Anteil an unserer Fahrt in der Spur der ersten Afrikadurchquerung nimmt. Einige Mitglieder begleiten uns auf der Fahrt nach Swakopmund.

 

Windhuk - Swakopmund

 

"Nachdem wir uns mit neuen Differentialwellen versehen, starteten wir am 25. April mittags froher Hoffnung gen Swakopmund; vorbei an den grossen Eingeborenenwerften Windhuks ging es in fotter Fahrt gen Brackwater, der ersten Station hinter Windhuk. Da fühlte ich plötzlich, am Steuer sitzend, einen Ruck durch den Wagen gehen. Im gleichen Augenblick huschte das linke Hinterrad am Auto entlang und legte sich vor das Auto. Als ich mich umsah, war ich nur noch allein im Wagen, mit heftigen Schmerzen in der Magengegend, wo mich das Steuerrad getroffen." Die Mitreisenden waren "im hohen Bogen in die Geographie gefolgen. Keiner von uns hatte ernsthaften Schaden genommen. Der linke Arm der Hinterachse war gebrochen, er schien wie mit dem Messer abgeschnitten." "Sofort wurde die Achse herausgenommen, und es ging nach Windhuk zurück, wo uns ... eine Geschützachse zur Verfügung gestellt wurde, aus der wir uns eine Automobilachse drehten."

 

"Welch herrliche, wechselnde Landschaftsbilder geniesst das Auge auf dieser Fahrt von Windhuk nach Swakopmund," schreibt Paul Graetz, doch das Schönste kommt noch - aus meiner Sicht: "Immer mehr und schwand das Wachstum des Bodens, nur noch einige Wolfsmilchsträucher, auch diese werden seltener, dünner; schliesslich ist auch kein Grashalm mehr zu erspähen. Öde und Leere ringsum. In leichten Wellenlinien erscheint diese Felswüste wie in versteinertes Meer." Und als der sehnsuchtsvolle Traum eines jeden Geländewagenfahrers!

 

Im Sonnenlicht leuchtet die Namib Wüste in allen Okerfarbtönen. Felsen, vor Jahrmillionen vom Wasser rundgeschliffen, aufgetürmt zu Bergen, Stein, so weit man sieht, und doch erobert von rätselhaft angepassten Pflanzen, Kakteen, die, in einer Felsspalte wurzelnd, wie Bäume ihre Äste in den hellblauen Himmel strecken.

 

Die Steinwüste geht in Sand über, den weiten Strand von Swakopmund, den die Wellen des Atlantik überspülen. Wie ein Stück Deutschland mit besserem Wetter wirkt Swakopmund, mit deutschen Straßennamen und Cafés. Paul Graetz hält vor dem Hotel Kaiserhof, "wo sich bald eine grosse Anzahl Swakopmunder einfand zu unserer Begrüßung, ... und schliesslich hinunter zum Meer, auf dass die brandenden Wogen des Atlantischen Ozeans unsere Pneumatiks bespülen."

 

 

Die Reise in der Spur von Paul Graetz ist für Mitfahrer und Selbstfahrer zu buchen. Informationen: anneheisler@web.de